In diesem Beitrag
- Beschäftigte suchen einen Platz in der künftigen Wirtschaft
- Ausbildung muss Menschen zum Handeln befähigen
- Ausbildung braucht langfristige Investitionen
- KI braucht Urteilskraft und Handlungsspielraum
- Lernen braucht Zeit und erreichbare Angebote
- Automatisierbare Aufgaben sind noch keine Beschäftigungsprognose
- Auch die digitale Veränderung muss ökologisch tragen
- Meine persönliche wirkungsökonomische Einschätzung
- Quellen und Hinweise
Am 29. September 2026 feierte der Rat für Nachhaltige Entwicklung sein 25-jähriges Bestehen mit der Jahreskonferenz „Zukunft gewinnen“ im Berliner Radialsystem. Der RNE berät die Bundesregierung seit 2001 unabhängig in Fragen nachhaltiger Entwicklung. Seine 15 Mitglieder kommen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft und werden vom Bundeskanzler für jeweils drei Jahre berufen. Vorsitzender ist Gerald H. Haug, sein Stellvertreter Reiner Hoffmann. Der Rat arbeitet an der Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie mit, bringt gesellschaftliche Perspektiven ins Gespräch und führt eigene Projekte durch. [1, 2]
Das Vormittagspanel „Zukunft der Arbeit - Twin-Transition als Chance“ widmete sich dem gleichzeitigen ökologischen und digitalen Umbau der Wirtschaft. Klimaschutz, ein anderer Umgang mit Ressourcen und der Einsatz künstlicher Intelligenz wurden dabei gemeinsam betrachtet. Die Frage war, wie daraus gute Beschäftigungsperspektiven entstehen können. [2]
Auf dem Podium saßen die Informatikerin und TU-Berlin-Präsidentin Fatma Deniz, Stefan Dietl, der bei Festo die weltweite berufliche Ausbildung verantwortet, der frühere DGB-Vorsitzende und stellvertretende RNE-Vorsitzende Reiner Hoffmann sowie Martin von Broock, Vorsitzender des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik. Jürgen Janssen und Kristina Nolte aus der RNE-Geschäftsstelle moderierten. Das Gespräch verband eine neue Beschäftigtenbefragung mit Ausbildungspraxis und der Frage, was Menschen zum selbstständigen Handeln befähigt. [2]
Beschäftigte suchen einen Platz in der künftigen Wirtschaft
Martin von Broock stellte die neue Studie „Klimaneutrale Industrie: Orientierungen für eine faire Transformation in Europa“ vor. Das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik hatte dafür mit Unterstützung der E.ON Foundation Beschäftigte in Deutschland, Frankreich und Polen befragen lassen. Die Erhebung fand im Juni 2026 statt. [3]
Für Deutschland zeigt sie: 80 Prozent der befragten Beschäftigten wollen am bisherigen Tempo des klimaneutralen Industrieumbaus festhalten oder den Umbau beschleunigen. 53 Prozent wünschen ausdrücklich mehr Tempo. Gleichzeitig empfinden 50 Prozent die Verteilung von Kosten und Nutzen als ungerecht; nur neun Prozent beurteilen sie als gerecht. Das sind Einstellungen von Beschäftigten. Sie belegen weder Zustimmung zu jeder einzelnen Maßnahme noch die tatsächliche Verteilung aller Kosten. [3]
Von Broocks zentraler Punkt war deshalb die Ungewissheit über die eigene Perspektive. Menschen wollen verstehen, welchen Platz sie in der künftigen Wirtschaft haben. Auch die Erwartung, dass andere ihren Beitrag leisten, spielte in seiner Auswertung eine wichtige Rolle. Er unterschied dabei ausdrücklich zwischen der Bereitschaft, im eigenen Unternehmen am Wandel mitzuwirken, und der gesondert untersuchten Bereitschaft zu zusätzlichen finanziellen Abgaben. [4]
Für mich ist das eine wichtige Korrektur für die politische Kommunikation. Wer berufliche Unsicherheit erlebt, braucht eine glaubwürdige Perspektive auf die eigene Arbeit. Allgemeine Versprechen über künftiges Wachstum beantworten diese persönliche Frage noch nicht. Ebenso wenig genügt es, eine Verteilung nur als gerecht zu beschreiben. Sie muss nachvollziehbar sein und als fair überprüft werden können.
Ausbildung muss Menschen zum Handeln befähigen
Stefan Dietl brachte die betriebliche Perspektive ein. Seine Frage war sehr praktisch: Wie bildet man heute junge Menschen für Aufgaben aus, deren genaue Gestalt in einigen Jahren noch unklar ist? Er warb für Neugier, selbstständiges Entscheiden und den Mut, Neues auszuprobieren. Lernen sollte stärker mit Erfahrungen verbunden werden. [5]
Ein anschauliches Beispiel war sein Vorhaben, den Einstieg in die Ausbildung breiter zu gestalten. Jugendliche sollen zunächst einen Werkstattbereich kennenlernen und Erfahrungen sammeln können, bevor sie sich auf einen bestimmten Ausbildungsberuf festlegen. Dietl schilderte das als geplante Veränderung. Ob dieser Weg bessere Entscheidungen ermöglicht und sich im weiteren Berufsleben bewährt, müsste sich in der Umsetzung zeigen. [5]
Auch sein Blick auf Prüfungen war interessant. Dietl wollte Ausbildung stärker daran ausrichten, ob junge Menschen Prozesse verstehen, Verbesserungen entwickeln und den Nutzen ihrer Arbeit erkennen können. Er sah in Auszubildenden zudem mögliche Vermittler von KI-Kompetenz im Unternehmen. [5]
Das passt zu einer wirkungsökonomischen Frage, die über Ausbildung hinausreicht: Was können Menschen nach einer Maßnahme tatsächlich besser? Teilnahmen an Seminaren lassen sich zählen. Zertifikate können einen Abschluss oder geprüfte Kenntnisse bescheinigen. Mich interessiert anschließend, ob das Gelernte im Betrieb nutzbar wird, ob jemand eine neue Aufgabe sicher übernehmen kann und ob sich seine beruflichen Möglichkeiten verbessern. [8]
Ausbildung braucht langfristige Investitionen
Dietl kritisierte außerdem den engen Kostenblick auf Ausbildung. In einer Kostenstelle ließen sich die Aufwendungen leicht erkennen; die Beiträge von Auszubildenden zum Betrieb gerieten dabei aus seiner Sicht zu schnell aus dem Blick. Er stellte die Frage, warum man Maschinen über längere Zeit als Investition betrachten könne, bei Ausbildung aber oft kurzfristigere Erwartungen anlege. [5]
Darin steckt ein wichtiger Managementgedanke. Wenn Qualifizierung neue Fähigkeiten aufbauen soll, braucht sie Zeit. Ihr Wert erschließt sich nicht vollständig aus den Schulungskosten. Für eine belastbare Bewertung müssen auch die späteren Möglichkeiten betrachtet werden: etwa die Übernahme neuer Aufgaben, weniger Fehler oder ein gelungener beruflicher Übergang. Welche dieser Verbesserungen tatsächlich eintreten und welchen Beitrag die Ausbildung dazu leistet, muss jeweils geprüft werden.
Ich würde den Maßstab noch weiter fassen. Ein Bildungsangebot hat auch dann gesellschaftlichen Wert, wenn jemand dadurch Zusammenhänge besser beurteilen, selbstständiger entscheiden oder sich in eine Diskussion einbringen kann. Bildung nur nach ihrem kurzfristigen betrieblichen Ertrag zu bewerten, würde diese Möglichkeiten übersehen. [8]
KI braucht Urteilskraft und Handlungsspielraum
Fatma Deniz lenkte den Blick auf die Voraussetzungen für einen sinnvollen KI-Einsatz. Sie beschrieb eine Lücke zwischen dem, was Technik ermöglicht, und dem, was Menschen und Organisationen daraus machen können. Kritisches Denken, Lernfähigkeit und Handlungsspielräume gehörten für sie zusammen. [6]
Für die Praxis bedeutet das: Beschäftigte brauchen ein Verständnis dafür, welche Aufgabe eine KI übernehmen soll, woran sich die Qualität ihrer Ergebnisse erkennen lässt und wann menschliches Urteil erforderlich ist. Aus meiner Sicht bleibt dafür fachliches Verständnis unverzichtbar. Wer ein Ergebnis prüfen soll, braucht Anhaltspunkte, um Fehler oder unpassende Annahmen überhaupt erkennen zu können.
Dietl hatte die organisatorische Seite bereits konkret benannt. Zu KI in der Ausbildung zählte er passende Fähigkeiten und Werkzeuge, technische Zugänge und einen betrieblichen Rahmen. Ausdrücklich dazu gehörten für ihn Betriebsrat, Datenschutz und IT-Sicherheit. [5]
Gerade diese Verbindung fand ich überzeugend. Ein KI-System verändert unter Umständen Abläufe, Verantwortung und die Möglichkeiten, Arbeit zu kontrollieren. Deshalb möchte ich Beschäftigte früh in die Gestaltung einbeziehen. Sie sollten Erfahrungen zurückmelden und auf problematische Folgen hinweisen können. Die Verantwortung für gute Arbeit bleibt auch beim Einsatz leistungsfähiger Technik bei den Menschen, die über ihren Einsatz entscheiden.
Lernen braucht Zeit und erreichbare Angebote
Reiner Hoffmann stellte die gesamte Bildungsbiografie in den Mittelpunkt. Bildung beginne früh und müsse über das Berufsleben hinweg möglich bleiben. Er sprach von lebensbegleitendem Lernen und betonte die Bedeutung von Neugier und Freude am Lernen. Zugleich verwies er auf Ausbildungswege für Menschen mit unterschiedlichen schulischen Voraussetzungen. [7]
Besonders aufschlussreich war sein Rückblick auf Verhandlungen über Bildungszeiten. Er berichtete von Vorbehalten auf beiden Seiten: Unternehmen hätten Kosten befürchtet, Beschäftigte mitunter eine unmittelbar höhere Entlohnung bevorzugt. Diese Erfahrung macht sichtbar, warum die Forderung nach Weiterbildung praktische Vereinbarungen braucht. Zeit und Finanzierung entscheiden darüber mit, ob Lernen möglich wird. [7]
Auch Zuständigkeiten und Bildungsangebote kamen zur Sprache. Dietl warnte vor Verzögerungen durch ungelöste Fragen zwischen Bund und Ländern. Hoffmann würdigte den Föderalismus und forderte zugleich, konkrete Hindernisse zu beseitigen. Beide richteten den Blick damit auf Bedingungen, die einzelne Beschäftigte nicht allein verändern können. [5, 7]
Für mich folgt daraus: Wer Lernbereitschaft erwartet, sollte bezahlte Lernzeit, verständliche Angebote und Unterstützung bei beruflichen Übergängen mitplanen. Dazu gehören Zugänge für Menschen, denen gute Vorkenntnisse fehlen oder deren Möglichkeiten durch Sorgearbeit, Krankheit oder andere Belastungen eingeschränkt sind. So wird aus der Forderung nach Anpassung eine tatsächlich nutzbare Chance.
Automatisierbare Aufgaben sind noch keine Beschäftigungsprognose
Bei den Erwartungen an KI gab es unterschiedliche Akzente. Dietl hielt bestimmte Berufsbilder bereits für vollständig ersetzbar und nannte das Büromanagement. Hoffmann richtete den Blick auf die Gesamtwirtschaft. Er äußerte die Überzeugung, dass KI nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen müsse und es auf die Gestaltung ankomme. Beide Aussagen beziehen sich auf unterschiedliche Ebenen: auf einzelne Tätigkeiten und Berufe einerseits, auf die gesamte Beschäftigung andererseits. [5, 7]
Ich würde daraus keine sichere Prognose ableiten. Dass Aufgaben automatisiert werden können, beantwortet noch nicht, wie sich ein vollständiger Beruf verändert. Ebenso gibt eine günstige Erwartung für die Gesamtwirtschaft einer einzelnen Beschäftigten noch keine Sicherheit für den nächsten beruflichen Schritt. Genau deshalb müssen Qualifizierung, Übergänge und neue Aufgaben rechtzeitig organisiert werden.
Auch die digitale Veränderung muss ökologisch tragen
Deniz erinnerte daran, dass Digitalisierung selbst Energie und Infrastruktur benötigt. Damit brachte sie beide Teile des Panels zusammen: Der ökologische Umbau und der Einsatz von KI müssen auch in ihren Folgen gemeinsam betrachtet werden. [6]
Ein einfaches Gedankenbeispiel zeigt, worauf es dabei ankommt. Eine Fabrik könnte mit einer digitalen Anwendung Materialverluste verringern. Für eine Gesamtbewertung müsste sie zugleich den Aufwand der Technik berücksichtigen und prüfen, ob ein höheres Produktionsvolumen die Einsparung wieder aufzehrt. Eine effizientere Einzelanwendung ist zunächst ein möglicher Beitrag. Ob insgesamt weniger Ressourcen verbraucht werden, lässt sich erst am tatsächlichen Einsatz beurteilen.
Meine persönliche wirkungsökonomische Einschätzung
Für mich hat dieses Panel deutlich gemacht, wie eng die Zukunft der Arbeit mit der Frage nach Vertrauen verbunden ist. Menschen brauchen eine Vorstellung davon, wie ihr Leben im Wandel weitergehen kann. Die Beiträge über Beschäftigungsperspektiven, Ausbildung und Urteilskraft haben diese Frage aus unterschiedlichen Richtungen konkretisiert.
Aus meiner wirkungsökonomischen Perspektive sollte sich der Erfolg an Veränderungen für Mensch, Planet und Demokratie zeigen. Können Beschäftigte mehr, arbeiten sie sicherer und gewinnen sie berufliche Möglichkeiten? Werden Energie und Material im Gesamtsystem eingespart? Können Betroffene den KI-Einsatz mitgestalten und Fehlentwicklungen korrigieren? [8]
Eine Frage möchte ich ausdrücklich ergänzen: Bei wem kommen die Gewinne aus höherer Produktivität an? Wenn Technik Zeit spart und zusätzliche Erträge ermöglicht, sollte darüber gesprochen werden, wie diese Vorteile für Weiterbildung, bessere Arbeitsbedingungen, Einkommen oder Entlastung genutzt werden. Das Panel hat dafür kein konkretes Verteilungsmodell entwickelt. Für mich gehört diese Frage aber zu einer vollständigen Debatte über die Arbeitswelt der Zukunft.
Meine Erwartung an Führung und Politik lautet deshalb, die Investition in Technik von Anfang an mit der Investition in Menschen zu verbinden. Bildungsbudgets, erreichbare Lernangebote, Mitsprache und verlässliche Übergänge müssen Teil der Entscheidung sein. Anschließend ist zu prüfen, was sich im Arbeitsalltag tatsächlich verbessert hat. Gute Arbeit entsteht dort, wo Menschen Fähigkeiten, Sicherheit und Einfluss auf ihre eigene Zukunft gewinnen.
Quellen und Hinweise
Grundlage ist mein Mitschnitt des Panels vom 29. September 2026. Die Transkription enthält Tonlücken und ist kein autorisiertes Wortprotokoll. Die Beiträge der Gäste werden sinngemäß wiedergegeben. Persönliche Bewertungen und weiterführende Vorschläge sind meine eigene Einordnung.
[1] Rat für Nachhaltige Entwicklung: Auftrag und Arbeitsweise; Mitglieder des Rates. Angaben geprüft am 29. September 2026.
[2] RNE: 25. Jahreskonferenz am 29. September 2026; Programm mit Teilnehmenden und Moderation.
[3] Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik mit Unterstützung der E.ON Foundation: Klimaneutrale Industrie - Orientierungen für eine faire Transformation in Europa 2026, insbesondere S. 9 und 14; Methodik S. 41. Onlinebefragung durch infas quo im Juni 2026 in Deutschland, Frankreich und Polen. Die genannten Prozentwerte beziehen sich auf Beschäftigte in Deutschland.
[4] Eigener Mitschnitt, insbesondere 01:28:13-01:41:13: Vorstellung und Erläuterung der Studie durch Martin von Broock. Alle Zeitmarken beziehen sich auf die Aufnahme, nicht auf die Uhrzeit der Veranstaltung.
[5] Eigener Mitschnitt: Stefan Dietl, insbesondere 01:48:00-02:01:47 zu Ausbildung und KI; 02:20:03-02:23:42 sowie 02:29:20-02:30:42 zu Lernen und Bildungsstrukturen.
[6] Eigener Mitschnitt: Fatma Deniz, insbesondere 02:02:04-02:08:00, 02:18:38-02:20:03 und 02:27:44-02:29:17 zu KI, Urteilskraft, Lernen und Ressourcenbedarf.
[7] Eigener Mitschnitt: Reiner Hoffmann, insbesondere 02:08:10-02:16:10, 02:23:45-02:25:04 und 02:30:45-02:31:40 zu Beschäftigung, Bildungswegen, Lernzeit und Verteilung.
[8] Fachliche Grundlage meiner Einordnung: Natalie Weber, Die neue Ordnung des Wohlstands, Band II, Kapitel 56, 60, 67 und 82. Maßgeblicher Begriffsstand: Führender Begriffsleitfaden der Wirkungsökonomie v1.5, 15. August 2026. Weitere Grundlagen der Wirkungsökonomie.
