In diesem Beitrag

Am 29. September 2026 feierte der Rat für Nachhaltige Entwicklung sein 25-jähriges Bestehen mit der Jahreskonferenz „Zukunft gewinnen“ im Berliner Radialsystem. Der RNE berät die Bundesregierung seit 2001 unabhängig in Fragen nachhaltiger Entwicklung. Seine 15 Mitglieder kommen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft und werden vom Bundeskanzler für jeweils drei Jahre berufen. Vorsitzender ist Gerald H. Haug, sein Stellvertreter Reiner Hoffmann. Der Rat arbeitet an der Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie mit, bringt gesellschaftliche Perspektiven ins Gespräch und führt eigene Projekte durch. [1, 2]

Im Eröffnungspanel diskutierten Myriam Rapior, BUND-Bundesvorständin und Ratsmitglied, Kanzleramtsstaatssekretär Jörg Semmler, Ratsmitglied Achim Steiner und die frühere Ratsvorsitzende Marlehn Thieme, heute Präsidentin der Welthungerhilfe. Tanja Samrotzki moderierte. Das Programm stellte eine einfache Frage: Wie wird aus einer Vorstellung von einer guten Zukunft politische und gelebte Wirklichkeit? [2]

Das Gespräch wurde dort besonders aufschlussreich, wo es konkret wurde. Bei einem landwirtschaftlichen Betrieb, der von naturverträglicher Bewirtschaftung leben können muss. Bei Menschen, die an der Energiewende teilhaben wollen. Und bei der Frage, was die Regierung mit Empfehlungen macht, die in aufwendigen Verständigungsprozessen entstanden sind.

Ein Zukunftsbild kann Verständigung ermöglichen

Myriam Rapior beschrieb eine Zukunft, in der Menschen gut leben und sich als Teil einer gemeinsamen Verbesserung erleben können. Dazu gehören für sie intakte Natur, wirtschaftliche Perspektiven und mehr Freude an der Veränderung. Achim Steiner betonte das Verbindende: Menschen und Natur gehören zusammen; die Aufmerksamkeit für das Gemeinsame dürfe in der politischen Auseinandersetzung nicht verloren gehen. Semmler wiederum stellte die Fähigkeit einer demokratischen Gesellschaft zum Kompromiss in den Mittelpunkt. [3]

Diese Gedanken ergänzen sich. Wer für eine Veränderung wirbt, braucht eine verständliche Vorstellung davon, was sich verbessern soll. Das kann ein bezahlbarer Alltag sein, ein sicherer Arbeitsplatz oder ein Dorf, in dem sich auch künftig gut leben lässt. Eine solche Vorstellung hilft, über einzelne Maßnahmen hinauszudenken. Sie macht aber noch nicht sichtbar, wer welche Kosten trägt und welcher Weg tatsächlich funktioniert.

Wie ein Zukunftsbild praktisch helfen kann, schilderte Rapior am Beispiel der Zukunftskommission Landwirtschaft. Dort hätten Gruppen mit sehr unterschiedlichen Interessen zunächst eine gemeinsame Vorstellung erarbeitet. Nach ihrer Erfahrung erleichterte das die anschließende Verständigung. Ihre Kritik galt dem Schritt danach: Der gefundenen Einigung sei nicht die politische Umsetzung gefolgt, die sie sich davon erhofft hatte. [3]

Damit lag eine wichtige Frage auf dem Tisch. Was geschieht mit einer Verständigung, wenn die Beteiligten den Verhandlungstisch verlassen haben?

Nach dem Kompromiss beginnt die politische Verantwortung

Marlehn Thieme erinnerte daran, dass die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie eine Strategie der Bundesregierung ist. Sie verlangte ein ehrliches Gespräch über erreichte und verfehlte Ziele und über die Gründe dafür. Im weiteren Verlauf fragte sie Semmler konkret, was diejenigen erwarten könnten, die Empfehlungen für die Politik erarbeiten. Diese Frage betraf auch den neu berufenen Rat. [3, 5]

Semmler verwies auf die Strategie, ihre Indikatoren und die Arbeit der Ministerien. Nachhaltigkeit beschrieb er ausdrücklich als übergreifendes Leitprinzip. Er machte zugleich deutlich, dass politische Mehrheiten, Koalitionen und Zuständigkeiten beeinflussen, welche Initiativen eine Regierung aufgreift. Zur Umsetzung der zuvor diskutierten Landwirtschaftsempfehlungen gab er in dieser Gesprächspassage keine konkrete Zusage. [5]

Diese Antwort verdient eine faire Einordnung. Eine Regierung kann nicht jede Empfehlung eines Beratungsgremiums unverändert übernehmen. Unterschiedliche Interessen müssen demokratisch abgewogen werden. Aus diesem Gespräch lässt sich auch keine vollständige Bilanz der Regierungstätigkeit ableiten.

Gerade deshalb fand ich Thiemes Nachfrage wichtig. Für die Menschen, die an einem schwierigen Kompromiss mitarbeiten, sollte erkennbar sein, wie ihre Vorschläge weiterbehandelt werden. Welche Empfehlung wird aufgegriffen? Wer entscheidet darüber? Wann gibt es eine begründete Antwort? An dieser Stelle kann Vertrauen wachsen oder enttäuscht werden.

Nachhaltigkeit muss wirtschaftlich möglich sein

Achim Steiner brachte die Diskussion auf den Alltag zurück. Er berichtete von seinem Haushalt in England und davon, wie Solaranlage, Batterie und intelligenter Stromzähler wirtschaftliche Beteiligung an der Energiewende ermöglichen. Seine Schilderung war ein persönliches Beispiel. Sie war keine allgemeine Wirtschaftlichkeitsrechnung für alle Haushalte. Der entscheidende Gedanke war, dass Menschen eine Veränderung anders erleben können, wenn sie selbst daran teilhaben und einen Vorteil erkennen. [4]

Diesen Gedanken führte Steiner an der Landwirtschaft weiter. Wer ökologisch wirtschaften soll, braucht Bedingungen, unter denen der Betrieb davon leben kann. Er kritisierte eine Politik, die aus Sicht der Betroffenen vor allem zusätzliche Einzelanforderungen erzeugt, während eine tragfähige wirtschaftliche Perspektive fehlt. Seine Schilderungen stammten auch aus Gesprächen mit Landwirten. [4]

Hier liegt für mich ein besonders deutlicher Anschluss an die Wirkungsökonomie. Wenn wir eine naturverträgliche Bewirtschaftung wollen, müssen wir auch über Finanzierung, Abnahmebedingungen und die Verteilung der Kosten sprechen. Ein Betrieb kann gesellschaftlich erwünschte Leistungen auf Dauer nur erbringen, wenn seine wirtschaftliche Grundlage dafür trägt. Regeln zum Schutz von Menschen und Natur bleiben dabei notwendig. Ihre Ausgestaltung muss die praktische Umsetzung ermöglichen.

Bei der Energiewende stellt sich eine ähnliche Verteilungsfrage. Ein Beispiel mit eigenem Solardach wirft sofort die Frage auf, wie Menschen ohne Wohneigentum oder ohne größere Rücklagen beteiligt werden können. Gemeinschaftliche Angebote, zugängliche Finanzierung und passende Tarife wären mögliche Ansatzpunkte. Welche davon vor Ort geeignet sind, müsste geprüft werden. Ein persönlicher Erfolg wird erst dann zu einer breiten gesellschaftlichen Perspektive, wenn auch andere Zugang erhalten.

Über Wege entscheiden und ökologische Folgen ernst nehmen

Eine Spannung im Gespräch entstand dort, wo Semmler über politische Verständigung und das Verhältnis wirtschaftlicher und ökologischer Interessen sprach. Rapior warnte davor, ökologische Mindeststandards wieder grundsätzlich zur Disposition zu stellen. Sie verwies auf die Grenzen der natürlichen Lebensgrundlagen. [4]

Diese Spannung lässt sich nicht durch ein freundlicheres Zukunftsbild auflösen. Demokratische Politik muss über konkrete Wege entscheiden. Zugleich muss sie berücksichtigen, welche Folgen diese Wege für Klima, Böden, Wasser und Artenvielfalt haben. Naturwissenschaftliche Zusammenhänge ändern sich nicht durch einen Mehrheitsbeschluss. Aus ihnen folgt allerdings auch nicht automatisch nur ein einziges zulässiges politisches Instrument.

Thieme plädierte entsprechend für unterschiedliche Wege zur Umsetzung, darunter marktwirtschaftliche und regulatorische Instrumente. Sie verwies auch auf die Rolle der Finanzwirtschaft und darauf, Risiken und überprüfbare Kriterien bei Geldanlagen zu berücksichtigen. [4]

Wirkungsökonomisch führt das zu einer konkreten Aufgabe: Erkenntnisse über Folgen müssen die nächste Entscheidung beeinflussen. Ein Bericht kann dafür wichtige Informationen liefern. Sein Nutzen für die Steuerung zeigt sich darin, ob diese Informationen bei Investitionen, Beschaffung oder öffentlichen Ausgaben berücksichtigt werden. Schwere Schäden an Menschen oder natürlichen Lebensgrundlagen dürfen dabei nicht hinter einer günstigen wirtschaftlichen Kennzahl verschwinden. [6]

Vorausschau braucht politische Handlungsfähigkeit

Im letzten Teil diskutierte das Panel die Rolle von Krisen. Semmler beschrieb, wie sie Prioritäten verändern und neue politische Mehrheiten ermöglichen können. Steiner erinnerte an die andere Möglichkeit: Krisen können auch lähmen, Vertrauen erschüttern und politische Ränder stärken. Thieme verband Krisenfestigkeit mit internationaler Verantwortung. Der Blick auf die eigene Sicherheit müsse die Lebensbedingungen von Menschen außerhalb Europas mit einschließen. [5]

Für mich folgt daraus ein Anspruch an vorausschauende Politik. Sie sollte auch dann handeln können, wenn ein Risiko wissenschaftlich erkennbar ist, aber noch nicht jede Nachrichtensendung bestimmt. Wer erst nach einem eingetretenen Schaden reagiert, muss mit Folgen umgehen, die vorher möglicherweise vermeidbar gewesen wären. Ob und wie weit Vorsorge hilft, hängt von der jeweiligen Maßnahme ab. Die Frage nach ihr gehört früh auf den Tisch.

Meine persönliche wirkungsökonomische Einschätzung

Mich hat an diesem Panel besonders die Verbindung von politischer Verständigung und wirtschaftlicher Alltagstauglichkeit überzeugt. Rapior zeigte, warum eine gemeinsame Richtung wichtig ist. Steiner fragte, wie Menschen eine Verbesserung selbst erfahren können. Thieme bestand darauf, die Verantwortung für die Umsetzung sichtbar zu machen. Semmler benannte die Schwierigkeiten demokratischer Koordination und bekannte sich zugleich zur Nachhaltigkeit als Leitprinzip.

Meine Erwartung an dieses Leitprinzip ist konkret. Es sollte bei der nächsten Investition, beim nächsten Förderprogramm und bei der nächsten politischen Priorität erkennbar werden. Für einen landwirtschaftlichen Betrieb müsste sich zeigen, ob naturverträgliche Bewirtschaftung tragfähig wird. Für einen Haushalt, ob er bezahlbar und verlässlich an der Energiewende teilhaben kann. Für die Gesellschaft, ob Abhängigkeiten und künftige Belastungen sinken.

Dabei bewerte ich Entscheidungen aus meiner wirkungsökonomischen Perspektive an ihren Folgen für Mensch, Planet und Demokratie. Ich möchte wissen, wer von einer Veränderung profitiert, wer zusätzliche Lasten trägt und ob Betroffene mitreden und Fehlentwicklungen korrigieren können. Solange solche Veränderungen noch nicht eingetreten sind, sprechen wir über Möglichkeiten und Risiken. Ein plausibles Konzept ist ein Anfang; die tatsächlichen Folgen müssen später geprüft werden. [6]

Für den Umgang mit Empfehlungen wünsche ich mir deshalb nachvollziehbare Entscheidungen. Es sollte öffentlich erkennbar sein, was übernommen wird, was verändert wird und was aus welchen Gründen nicht weiterverfolgt wird. Für beschlossene Maßnahmen gehören Zuständigkeiten, Zeiträume und überprüfbare Ziele dazu. Wenn die Ergebnisse hinter den Erwartungen bleiben, muss das die nächste Entscheidung verändern.

Der Nachhaltigkeitsrat ist für mich ein wichtiger Ort, um diesen Anspruch gegenüber der Politik zu vertreten und unterschiedliche Erfahrungen zusammenzuführen. Nach 25 Jahren sollte sein Jubiläum Anlass sein, genau diese Verbindung zu stärken: zwischen dem Wissen darüber, was notwendig ist, und den Entscheidungen, die Menschen eine bessere Zukunft tatsächlich ermöglichen.

Quellen und Hinweise

Grundlage ist mein Mitschnitt des Eröffnungspanels vom 29. September 2026. Die Transkription enthält Tonlücken und ist kein autorisiertes Wortprotokoll. Die Beiträge der Gäste werden sinngemäß wiedergegeben. Persönliche Bewertungen und weiterführende Vorschläge sind meine eigene Einordnung.

[1] Rat für Nachhaltige Entwicklung: Auftrag und Arbeitsweise; Mitglieder des Rates. Angaben geprüft am 29. September 2026.

[2] RNE: 25. Jahreskonferenz am 29. September 2026; Programm mit Teilnehmenden.

[3] Eigener Mitschnitt, Eröffnungspanel „Zukunft gewinnen“: insbesondere 00:10:20-00:24:55 zu Zukunftsbildern, gesellschaftlicher Verständigung, Landwirtschaft und Nachhaltigkeitsstrategie. Alle Zeitmarken beziehen sich auf die Aufnahme, nicht auf die Uhrzeit der Veranstaltung.

[4] Eigener Mitschnitt: insbesondere 00:24:55-00:42:18 zu Energiewende, wirtschaftlichen Bedingungen, ökologischen Grenzen und Instrumenten. Tonüberlagerungen wurden nicht als Aussagen des Panels verwendet.

[5] Eigener Mitschnitt: insbesondere 00:42:20-01:00:42 zu Umsetzung, politischer Verantwortung, Krisen und Schlussfolgerungen.

[6] Fachliche Grundlage meiner Einordnung: Natalie Weber, Die neue Ordnung des Wohlstands, Band I, Kapitel 6 und 22; Band II, Kapitel 90. Maßgeblicher Begriffsstand: Führender Begriffsleitfaden der Wirkungsökonomie v1.5, 15. August 2026. Weitere Grundlagen der Wirkungsökonomie.