WÖk-Präzisierungsbegriff / Wirkungswissen

Informelles Wissen

Informelles Wissen ist Wissen, das außerhalb formaler Systeme entsteht oder weitergegeben wird: durch Erfahrung, Alltag, Praxis, Beziehung, Beobachtung, Ausprobieren, lokale Kontexte und gemeinsames Handeln.

WÖk-Präzisierungsbegriff / WirkungswissenStand / Version 1.0

Auf einen Blick

  • Informelles Wissen ist Wissen, das außerhalb formaler Systeme entsteht oder weitergegeben wird: durch Erfahrung, Alltag, Praxis, Beziehung, Beobachtung, Ausprobieren, lokale Kontexte und gemeinsames Handeln.
  • Der Begriff gehört zum Bereich Wissen, Wirkungskompetenz, Organisation, Bildung & Transformation und dient der präzisen Wirkungsprüfung.
  • Wirkungsökonomisch fragt „Informelles Wissen“ nach Zustandsveränderung, Bilanzgrenze, Datenqualität und Rückkopplung.
  • Er darf nicht als isoliertes Etikett genutzt werden, sondern braucht Bezug zu Mensch, Planet und Demokratie. Er ist besonders anschlussfähig an Tacit Knowledge, Wirkungskompetenz, Wirkungsmonitoring.

Definition

Was bedeutet der Begriff?

Informelles Wissen bezeichnet Wissen, das nicht primär durch formale Ausbildung, offizielle Dokumentation oder institutionalisierte Forschung entsteht. Es entsteht im Tun: durch Erfahrung, Beobachtung, Wiederholung, Alltagspraxis, Fehler, Beziehungen und lokale Situationen.

Menschen wissen oft sehr viel über Wirkungszusammenhänge, ohne dieses Wissen in Berichten, Kennzahlen oder akademischen Begriffen ausdrücken zu können. Eine Pflegekraft erkennt früh, dass ein Mensch abbaut. Eine Lehrkraft spürt, warum eine Klasse kippt. Eine Handwerkerin sieht, ob ein Material dauerhaft funktionieren wird. Eine Nachbarschaft weiß, warum eine soziale Maßnahme nicht angenommen wird. Eine Community erkennt Diskriminierungsmuster, bevor sie statistisch sichtbar werden.

In der Wirkungsökonomie ist dieses Wissen zentral, weil Wirkung immer in konkreten Wirkungsräumen entsteht. Daten zeigen Muster. Informelles Wissen erklärt oft, warum diese Muster entstehen, wo sie brechen und welche Rückkopplungen tatsächlich relevant sind.

Wirkungsökonomie

Einordnung in der Wirkungsökonomie

Die Wirkungsökonomie versteht Gesellschaft als lernendes System. Lernen entsteht nicht allein durch Kennzahlen, sondern durch Rückkopplung zwischen Daten, Erfahrung, Betroffenheit, Praxis und Entscheidung. Informelles Wissen ist eine wichtige Quelle solcher Rückkopplung und Teil der Wirkungskompetenz: Es hilft, Wirkung nicht nur zu messen, sondern zu verstehen.

Verwendung

Verwendung

Den Begriff verwenden, wenn Wissen außerhalb formaler Bildungs-, Reporting-, Audit- oder Dokumentationssysteme entsteht, weitergegeben oder genutzt wird. Tacit Knowledge als verwandten, aber engeren Begriff erklären: Informelles Wissen beschreibt eher den Entstehungs- und Weitergabekontext, Tacit Knowledge die schwer explizierbare Qualität dieses Wissens.

Abgrenzung

Abgrenzung

  • Tacit Knowledge: Tacit Knowledge ist eine spezielle Form informellen oder impliziten Wissens, das schwer artikulierbar ist. Informelles Wissen ist breiter.
  • Meinung: Informelles Wissen ist nicht bloß Meinung. Es beruht oft auf Erfahrung, Praxis und Kontext, muss aber trotzdem prüfbar und rückkoppelbar gemacht werden.
  • Anekdote: Eine einzelne Erfahrung kann ein wichtiges Signal sein, ist aber noch kein vollständiger Wirkungsnachweis.
  • Bauchgefühl: Informelles Wissen kann intuitiv erscheinen, basiert aber häufig auf eingeübter Mustererkennung.
  • Unwissenschaftlichkeit: Informelles Wissen steht nicht im Gegensatz zu Wissenschaft. Es kann wissenschaftliche Analyse ergänzen, präzisieren oder auf blinde Flecken hinweisen.
  • Tradition: Tradition kann informelles Wissen enthalten, kann aber auch überholte, diskriminierende oder schädliche Muster fortschreiben.
  • Dunning-Kruger-Effekt: Informelles Wissen ist nicht Selbstüberschätzung; es braucht Prüfung, Rückkopplung und Kontextualisierung.

Vertiefung

Vertiefte Begriffsstruktur

Auf einen Blick

  • Informelles Wissen entsteht oft außerhalb von Schulen, Hochschulen, Reports, Zertifikaten oder offiziellen Prozessen.
  • Es umfasst Erfahrungswissen, Praxiswissen, Kontextwissen, Beziehungswissen und lokales Wissen.
  • Es ist häufig entscheidend dafür, ob Maßnahmen tatsächlich wirken.
  • In Organisationen liegt informelles Wissen oft bei Mitarbeitenden, Kund:innen, Pflegekräften, Handwerker:innen, Betroffenen, Communities oder lokalen Akteur:innen.
  • In der Wirkungsökonomie ist informelles Wissen wichtig, weil Wirkung aus realen Kontexten, Rückkopplung und gelebter Erfahrung entsteht.
  • Informelles Wissen darf nicht romantisiert werden: Es kann wertvoll, aber auch fehlerhaft, verzerrt, ausschließend oder nicht überprüft sein.
  • Ziel ist nicht, informelles Wissen zu ersetzen, sondern es sichtbar, anschlussfähig und lernfähig zu machen.

Warum ist informelles Wissen wichtig?

Viele Systeme scheitern nicht daran, dass keine Daten vorhanden sind. Sie scheitern daran, dass formale Daten nicht mit der gelebten Realität verbunden werden. Informelles Wissen kann zeigen, warum eine Maßnahme auf dem Papier gut aussieht, aber vor Ort nicht funktioniert; warum Menschen ein Angebot nicht nutzen; warum Vertrauen fehlt; warum eine Organisation offiziell effizient wirkt, aber intern überlastet ist; oder warum eine Regel unbeabsichtigte Nebenwirkungen erzeugt.

Wirkmechanismus

  • Erfahrung: Menschen erleben wiederkehrende Situationen.
  • Mustererkennung: Sie erkennen Zusammenhänge, Risiken oder Chancen.
  • Kontextwissen: Sie verstehen lokale, soziale oder kulturelle Bedingungen.
  • Frühwarnung: Sie nehmen schwache Signale wahr, bevor sie formale Systeme erreichen.
  • Übersetzung: Sie bringen Erfahrungswissen in Entscheidungen ein.
  • Wirkungskorrektur: Maßnahmen können angepasst werden, bevor Schaden entsteht.
  • Lernschleife: Organisationen, Politik oder Märkte verbessern ihre Wirkungsfähigkeit.

Wirkungsökonomische Relevanz

Informelles Wissen reduziert blinde Flecken formaler Steuerung. Ohne informelles Wissen werden Maßnahmen von oben geplant, aber vor Ort nicht angenommen; Kennzahlen verbessern sich, während Belastung, Misstrauen oder Ausschluss wachsen; Innovationen scheitern an Nutzungskontexten; Pflege, Bildung, Handwerk und soziale Arbeit werden unterschätzt; und Betroffene werden zu Datenpunkten statt als Wissensträger:innen anerkannt.

Mess- und Steuerungsbezug

Informelles Wissen ist nicht vollständig standardisierbar, kann aber systematisch eingebunden werden: qualitative Interviews, Fokusgruppen, Bürger:innenräte, Beteiligungsformate, Praxisbeiräte, Wirkungswerkstätten, ethnografische Beobachtung, Beschwerde- und Hinweisgebersysteme, Mitarbeitendenfeedback, Community-Feedback, lokale Resonanzraumanalysen, Fallanalysen und qualitative Ergänzungen zu Scorecards.

Risiken

  • Verzerrung durch Einzelfälle
  • Traditionsbias und Gruppendenken
  • unbewusste Diskriminierung und Hierarchieeffekte
  • romantisierte Alltagserfahrung
  • fehlende Überprüfbarkeit
  • Verallgemeinerung einzelner Gruppen
  • Monopolisierung durch Machtgruppen
  • ausschließende informelle Netzwerke

Umgang und Gegenmaßnahmen

  • Erfahrungswissen systematisch einholen
  • Betroffene als Wissensträger:innen anerkennen
  • qualitative Daten neben quantitative Daten stellen
  • sichere Räume für kritisches Feedback schaffen
  • Praxiswissen in Scorecards und Audits einbinden
  • informelle Hinweise prüfen, statt sie vorschnell abzuwerten
  • Machtasymmetrien sichtbar machen
  • informelles Wissen versionieren und weiterentwickeln

Quellenbasis

Externe Quellen sind Forschung zu informellem Lernen und Erfahrungswissen, Michael Polanyi zu Tacit Knowledge, Nonaka & Takeuchi zu organisationalem Wissen, Praxisforschung, partizipative Forschung, Citizen Science, lokale Wissenssysteme und Communities of Practice. Interne WÖk-Bezüge: Wirkung ist tatsächliche Zustandsveränderung, Wirkungskompetenz umfasst Nebenwirkungen und Rückkopplungen, Teilgabe bedeutet aktive Wissens- und Gestaltungskraft in gesellschaftlichen Wirkungsräumen.