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Teil Mensch, Planet und Demokratie

Kapitel 24 - Der Mensch im System

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Kapitel 24 - Der Mensch im System

Abbildung 31 aus Die neue Ordnung des Wohlstands: Kapitel 24 - Der Mensch im System
Abbildung 31 aus Die neue Ordnung des Wohlstands. Quelle: Hauptwerk, Kapitel 24 - Der Mensch im System.

Teil IV beginnt mit dem Menschen, weil jede Wirkung, die später gemessen, gelenkt oder bewertet wird, einen menschlichen Bezug hat. Die Wirkungsökonomie versteht Wirkung nicht als abstrakte Größe. Wirkung verändert Zustände. Sie verändert Lebensqualität, Sicherheit, Würde, Vertrauen, Gesundheit, Zugehörigkeit, Handlungsspielräume und Zukunftschancen. Darum kann eine Ökonomie, die Wirkung zum Maßstab macht, nicht mit einem reduzierten Menschenbild arbeiten. Sie braucht ein Menschenbild, das der realen Einbettung menschlichen Handelns gerecht wird [I-K24-1].

Der Mensch ist in der Wirkungsökonomie kein isolierter Nutzenrechner. Er ist ein Wirkungswesen. Er nimmt Wirkung auf, verarbeitet sie körperlich, emotional, sprachlich und sozial, und er erzeugt selbst Wirkung durch Handlungen, Unterlassen, Entscheidungen, Beziehungen, Worte, Routinen und institutionelle Rollen. Menschen sind Wirkungsempfänger und Wirkungsträger. Sie werden von Preisen, Arbeitsbedingungen, Wohnräumen, Sprache, Anerkennung, Unsicherheit, Naturzuständen und politischen Ordnungen beeinflusst. Zugleich verändern sie durch ihr Verhalten andere Menschen, Systeme und Zukunftsräume [I-K24-1][I-K24-2].

Damit rückt die Wirkungsökonomie den Menschen weder über das System noch unter das System. Sie betrachtet ihn als Teil eines lebendigen Zusammenhangs. Ein Mensch steht nicht außerhalb von Wirtschaft, Sprache, Kultur, Natur und Institutionen. Er lebt in ihnen. Er wird durch sie geprägt und verändert sie. Diese Sicht unterscheidet sich von Modellen, die den Menschen als unabhängiges Individuum behandeln, das mit vollständiger Information, klaren Präferenzen und stabiler Rationalität seine Vorteile maximiert. Dieses Modell kann für bestimmte Rechenzwecke nützlich sein. Als Menschenbild einer Gesellschaft ist es zu schmal [E-K24-1].

24.1 Der Mensch als Wirkungswesen

Ein Mensch wirkt immer. Schon alltägliche Entscheidungen verändern Zustände: was gekauft wird, wie gesprochen wird, wie Konflikte geführt werden, wie Vertrauen entsteht, wie mit Ressourcen umgegangen wird, wie Kinder lernen, wie Alte gesehen werden, wie Menschen einander begegnen. Keine dieser Wirkungen ist für sich schon eine Systemlösung. Aber zusammengenommen bilden sie die soziale, ökologische und demokratische Wirklichkeit einer Gesellschaft.

Die Wirkungsökonomie setzt genau an dieser doppelten Rolle an. Der Mensch ist nicht nur Adressat von Politik, Markt oder Institutionen. Er ist auch Mitproduzent von Wirkung. Er lebt nicht nur unter Bedingungen, sondern erzeugt Bedingungen mit. Ein Preissystem, das schädliche Produkte billiger macht, wirkt auf ihn. Eine Sprache, die Gruppen abwertet, wirkt auf ihn. Ein Arbeitsumfeld, das Angst erzeugt, wirkt auf ihn. Ein Naturraum, der erlebbar bleibt, wirkt auf ihn. Umgekehrt wirkt er durch Konsum, Arbeit, Fürsorge, Sprache, Beteiligung, Wissen, Vertrauen und Widerstand auf das System zurück.

Dieses Menschenbild ist kein Idealbild. Es unterstellt nicht, dass Menschen immer einsichtig, freundlich oder verantwortungsvoll handeln. Es sagt nur: Menschen handeln nie folgenlos. Jede Handlung steht in Rückkopplung mit anderen Handlungen. Wer diese Rückkopplung ignoriert, verwechselt Verhalten mit Privatangelegenheit. Wirkungsökonomisch gibt es aber kein vollständiges Außen des Systems. Auch scheinbar private Entscheidungen können öffentliche Folgen haben, und öffentliche Strukturen prägen private Entscheidungen.

Darum kann Verantwortung nicht allein als individuelle Tugend verstanden werden. Verantwortung braucht ein System, das Folgen sichtbar macht. Wer Menschen Verantwortung zuschreibt, ihnen aber falsche Preissignale, intransparente Wirkungen und überfordernde Entscheidungslasten zumutet, verlagert Systemprobleme auf Einzelne. Die Wirkungsökonomie unterscheidet deshalb zwischen individueller Verantwortung und struktureller Rückkopplung. Menschen sollen nicht alles allein wissen müssen. Das System muss ihnen die Wirkung seines eigenen Handelns lesbar machen [I-K24-3].

24.2 Kein isoliertes Individuum

Der Mensch ist körperlich. Er braucht Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Schlaf, Schutz und gesundheitliche Stabilität. Eine Ökonomie, die ihn nur als Käufer, Arbeitskraft oder Steuerzahler behandelt, verliert diesen körperlichen Grund. Preise, Arbeit, Lärm, Hitze, Stress, Unsicherheit und Umweltbelastung wirken nicht abstrakt. Sie wirken im Körper. Sie verändern Belastbarkeit, Aufmerksamkeit, Vertrauen und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen.

Der Mensch ist emotional. Angst, Anerkennung, Scham, Stolz, Kränkung, Hoffnung, Trauer und Freude sind keine Störungen einer ansonsten reinen Rationalität. Sie sind Teil menschlicher Orientierung. Wer Märkte, Politik oder Institutionen so gestaltet, als würden Menschen nur nüchtern vergleichen, unterschätzt, wie stark Entscheidungen durch emotionale Lagen geprägt werden. Gerade Krisen zeigen, dass Menschen nicht nur auf Fakten reagieren. Sie reagieren auf Unsicherheit, Statusverlust, Kontrollverlust und Zugehörigkeitsangebote.

Der Mensch ist sozial. Er braucht Beziehungen, Resonanz, Anerkennung und Verlässlichkeit. Autonomie entsteht nicht gegen Beziehungen, sondern durch tragfähige Beziehungen. Selbstbestimmung setzt voraus, dass Menschen sich nicht dauernd gegen Angst, Ausschluss oder Demütigung absichern müssen. Psychologische Forschung zur Selbstbestimmung beschreibt Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als grundlegende Voraussetzungen menschlicher Motivation [E-K24-3]. Die Wirkungsökonomie übersetzt diese Einsicht nicht in ein psychologisches Programm, sondern in eine normative Leitlinie: Systeme, die Beziehung zerstören, zerstören Handlungsfähigkeit.

Der Mensch ist sprachlich und kulturell. Er versteht die Welt nicht nur durch Zahlen, sondern durch Begriffe, Erzählungen, Bilder, Rituale und geteilte Deutungen. Sprache ordnet Wirklichkeit. Sie kann Vertrauen stärken oder schwächen, Gruppen verbinden oder trennen, Möglichkeiten öffnen oder schließen. Darum ist Wirkung nicht nur materiell. Kommunikation kann Wirkungspotenzial erzeugen, bevor sie in sichtbares Verhalten übergeht [I-K24-1]. Diese Einsicht wird später für Medien, Öffentlichkeit und Demokratie wichtig. In Teil IV wird zunächst der Maßstab gelegt: Sprache gehört zur Wirkungswelt des Menschen.

Der Mensch ist institutionell eingebettet. Er handelt innerhalb von Regeln, Verfahren, Erwartungen, Rechten, Pflichten und Machtverhältnissen. Was ein Mensch als möglich erlebt, hängt nicht nur von seinen inneren Eigenschaften ab, sondern von den Räumen, die ihm Institutionen eröffnen oder verschließen. In diesem Sinn ist Freiheit mehr als die Abwesenheit von Zwang. Sie braucht reale Fähigkeiten, Zugang, Sicherheit und Anerkennung. Der Fähigkeitenansatz von Amartya Sen und Martha Nussbaum ist hier ein wichtiger externer Bezugspunkt, weil er menschliches Wohlergehen nicht auf Einkommen reduziert, sondern auf reale Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten bezieht [E-K24-4][E-K24-5].

24.3 Begrenzte Rationalität

Die Wirkungsökonomie grenzt sich vom homo oeconomicus ab, ohne eine lange Theoriegeschichte zu erzählen. Der homo oeconomicus ist eine Modellfigur: informiert, stabil, rational, nutzenmaximierend. Menschen sind anders. Sie entscheiden unter Zeitdruck, mit unvollständigen Informationen, unter sozialem Einfluss, mit Gewohnheiten, Emotionen, Vorurteilen, begrenzter Aufmerksamkeit und widersprüchlichen Zielen. Herbert Simon beschrieb dies als begrenzte Rationalität: Menschen suchen nicht immer nach der optimalen Lösung, sondern nach einer handhabbaren Lösung innerhalb begrenzter Informationen und Verarbeitungskapazitäten [E-K24-1].

Diese Begrenzung ist kein Defekt. Sie gehört zum Menschsein. Kein Mensch kann die vollständige Wirkung jedes Produkts, jeder politischen Entscheidung, jeder Kommunikation und jeder institutionellen Struktur selbst berechnen. Ein Mensch kann nicht im Supermarkt eine globale Lieferkette auditieren. Er kann nicht bei jeder Nachricht ihre algorithmische Verstärkung, Quellenlage, Tonalität und demokratische Wirkung selbst vollständig prüfen. Er kann nicht jeden Preis auf Klima, Wasser, Arbeit, Gesundheit und Demokratie zurückrechnen.

Daraus folgt eine zentrale normative Konsequenz: Eine wirkungsorientierte Gesellschaft darf Menschen nicht so behandeln, als könnten sie unter falschen Signalen richtige Entscheidungen erzwingen. Wenn zerstörerische Wirkung billiger ist als verantwortliches Handeln, entsteht kein freier Markt im anspruchsvollen Sinn. Es entsteht ein Markt mit verzerrter Orientierung. Wer dann von individueller Verantwortung spricht, ohne die falschen Signale zu korrigieren, verlangt von Menschen, gegen das System zu handeln, statt das System an Wirkung auszurichten [I-K24-3].

Begrenzte Rationalität bedeutet auch, dass Menschen auf Vereinfachungen angewiesen sind. Sie nutzen Vertrauen, Routinen, soziale Hinweise, Marken, Institutionen, Zugehörigkeit, Erzählungen und Statussignale. Diese Vereinfachungen können hilfreich sein. Sie können aber auch manipuliert werden. Eine Wirtschaft, die nur Nachfrage misst, erkennt nicht, ob Nachfrage aus guter Information, Angst, sozialem Druck, Gewohnheit oder fehlenden Alternativen entsteht. Eine Demokratie, die nur Zustimmung misst, erkennt nicht automatisch, ob Zustimmung aus Urteilskraft, Erschöpfung, Misstrauen oder Zugehörigkeitsangst entsteht.

Die Wirkungsökonomie verlangt deshalb ein Menschenbild, das Rationalität ernst nimmt, aber nicht überschätzt. Menschen können lernen, prüfen, abwägen und Verantwortung übernehmen. Aber sie brauchen Bedingungen, unter denen Lernen, Prüfen und Verantwortung möglich bleiben.

24.4 Verletzlichkeit und Würde

Der Mensch ist verletzlich. Diese Verletzlichkeit ist kein Sonderfall. Sie ist allgemein. Menschen können krank werden, Angst haben, einsam sein, sich irren, abhängig sein, beschämt werden, manipuliert werden, überlastet werden, Natur verlieren, Sprache verlieren, Vertrauen verlieren. Verletzlichkeit macht Menschen nicht schwach. Sie macht sie real.

Aus dieser Verletzlichkeit folgt Würde. Würde bedeutet, dass Menschen nicht auf Funktion reduziert werden dürfen. Nicht auf Arbeitskraft, Konsument, Kostenstelle, Datensatz, Steuerquelle, Zielgruppe oder Risiko. Würde setzt eine Grenze gegen jede Ökonomie, die Menschen nur danach bewertet, was sie verwerten, kaufen oder leisten. Diese Grenze ist in modernen Menschenrechts- und Verfassungsordnungen ausdrücklich verankert, sie ist aber auch für die Wirkungsökonomie grundlegend: Wirkung für den Menschen darf nicht gegen den Menschen selbst organisiert werden [E-K24-6].

Würde bedeutet nicht, dass jede Entscheidung folgenlos bleibt. Menschen handeln und müssen Folgen mitverantworten. Aber Würde begrenzt die Art, wie Gesellschaften Menschen behandeln. Eine wirkungsorientierte Ordnung darf Menschen nicht durch Angst steuern, nicht durch Entwertung disziplinieren und nicht durch Ausschluss sortieren. Sie muss die reale Wirkung von Strukturen auf Menschen sichtbar machen: Wer wird sicherer? Wer wird verletzlicher? Wer gewinnt Handlungsfähigkeit? Wer verliert sie? Wer wird gehört? Wer verschwindet?

Das gilt auch für ökonomische Leistung. Wenn Leistung nur als Einkommen erscheint, werden viele Formen menschlicher Wirkleistung unsichtbar. Beziehungspflege, Sorge, Konfliktvermittlung, Nachbarschaft, Vertrauen, Zuwendung, Geduld, kulturelle Weitergabe und stille Stabilisierung des Alltags erscheinen dann als Nebenleistungen. In Wirklichkeit bilden sie die Bedingungen, unter denen Menschen frei und verantwortlich handeln können. Eine Gesellschaft, die diese Formen abwertet, schwächt ihre eigene Grundlage [I-K24-1][I-K24-4].

24.5 Beziehung und Resonanz

Menschen leben nicht nur neben anderen Menschen. Sie leben durch Beziehungen. Sie werden angesprochen, anerkannt, verletzt, gestärkt, geprägt. Beziehung ist keine private Ergänzung zur Ökonomie. Sie ist eine Grundbedingung menschlicher Handlungsfähigkeit. Ohne Vertrauen, Sprache, Resonanz und Zugehörigkeit werden Entscheidungen enger, defensiver und kurzfristiger.

Der Begriff Resonanz hilft, diese Beziehung zur Welt zu beschreiben. Hartmut Rosa versteht Resonanz als eine Form der Weltbeziehung, in der Menschen nicht nur kontrollieren oder besitzen, sondern antworten und verwandelt werden können [E-K24-7]. Die Wirkungsökonomie übernimmt daraus keine komplette Sozialtheorie. Sie nutzt Resonanz als Hinweis darauf, dass Menschen nicht nur auf Anreize reagieren, sondern auf Beziehungen zur Welt. Ein Wald, eine Stimme, ein Raum, ein Blick, eine Institution, eine Geschichte, eine Gemeinschaft können Menschen in Beziehung setzen oder von ihnen trennen.

Für Teil IV ist dieser Punkt wesentlich, weil Wirkung nicht nur in materiellen Ergebnissen erscheint. Wirkung erscheint auch in der Qualität von Beziehungen. Eine Gesellschaft kann reich sein und resonanzarm. Sie kann effizient sein und beziehungsschwach. Sie kann viele Optionen anbieten und dennoch Zugehörigkeit zerstören. Dann entsteht eine paradoxe Lage: Menschen haben formal Wahlmöglichkeiten, erleben aber wenig Sinn, wenig Vertrauen und wenig Selbstwirksamkeit.

Die Wirkungsökonomie bewertet solche Zustände nicht als Stimmungsfrage. Sie betrachtet sie als Systemzustände. Angst, Einsamkeit, Statusdruck, Misstrauen und Beziehungslosigkeit verändern politische und wirtschaftliche Entscheidungen. Sie beeinflussen, ob Menschen solidarisch, defensiv, aggressiv, gleichgültig oder lernbereit reagieren. Deshalb gehört Beziehung in den normativen Teil des Modells.

24.6 Selbstwirksamkeit als Bedingung von Verantwortung

Verantwortung setzt Selbstwirksamkeit voraus. Wer nie erlebt, dass das eigene Handeln etwas verändern kann, wird schwer dauerhaft verantwortlich handeln. Selbstwirksamkeit meint nicht Selbstüberschätzung. Sie meint die Erfahrung, dass eigenes Handeln in einem verständlichen Zusammenhang steht und Folgen haben kann. Albert Bandura beschrieb Selbstwirksamkeit als zentrale Voraussetzung dafür, dass Menschen Verhalten ändern, Belastungen bewältigen und Handlungsmöglichkeiten nutzen [E-K24-2].

In der Wirkungsökonomie wird Selbstwirksamkeit zu einem normativen Maßstab. Ein System, das Menschen nur Pflichten zuschreibt, ihnen aber keine wirksamen Handlungsspielräume eröffnet, erzeugt Frustration. Ein System, das Wirkung unsichtbar hält, zerstört Rückmeldung. Ein System, das konstruktives Handeln teurer macht als destruktives Handeln, entwertet Verantwortung. Ein System, das Menschen mit Komplexität überlädt, ohne Orientierung bereitzustellen, erzeugt Rückzug.

Selbstwirksamkeit braucht drei Bedingungen. Erstens müssen Menschen erkennen können, welche Wirkung eine Handlung hat. Zweitens müssen sie reale Alternativen haben. Drittens muss das System positive Wirkung nicht nur moralisch anerkennen, sondern praktisch ermöglichen. In diesem Kapitel werden daraus noch keine Instrumente abgeleitet. Das geschieht später. Hier geht es um den Maßstab: Verantwortung darf nicht als Appell an Einzelne verkürzt werden. Sie braucht Rückkopplung, Sichtbarkeit und Handlungsfähigkeit.

Das verändert auch den Begriff von Freiheit. Freiheit ist nicht nur Wahl zwischen Angeboten. Freiheit ist die Fähigkeit, unter verständlichen Bedingungen eine verantwortbare Entscheidung zu treffen. Wenn Menschen zwischen einem billigen schädlichen Produkt und einem teuren verantwortlichen Produkt wählen müssen, ist die Entscheidung formal frei. Wirkungsökonomisch ist sie verzerrt, wenn das Preissystem die Folgen nicht zeigt. Eine Ordnung, die Menschen ernst nimmt, muss solche Verzerrungen benennen.

24.7 Warum ein falsches Menschenbild falsche Anreize setzt

Eine Wirtschaft, die Menschen als isolierte Nutzenmaximierer behandelt, setzt Anreize für ein Verhalten, das sie später selbst beklagt. Sie belohnt kurzfristige Vorteile, Statuskonsum, Externalisierung, Konkurrenz um Aufmerksamkeit und die Verlagerung von Folgekosten. Sie unterschätzt Angst, Zugehörigkeit, Gewohnheit und soziale Nachahmung. Sie überschätzt die Fähigkeit Einzelner, in einem falsch ausgerichteten System dauerhaft richtig zu handeln.

Wenn der Mensch als bloßer Konsument erscheint, wird Wirkung zur Kaufentscheidung privatisiert. Wenn der Mensch als bloße Arbeitskraft erscheint, wird Würde an Verwertbarkeit gebunden. Wenn der Mensch als bloßer Kostenfaktor erscheint, werden Schutz, Beziehung und Zeit zu Belastungen. Wenn der Mensch als bloßer Datenpunkt erscheint, wird Verhalten steuerbar, aber nicht notwendig verstehbar. In allen Fällen wird der Mensch reduziert.

Die Wirkungsökonomie beginnt deshalb mit einem anderen Maßstab. Der Mensch ist ein verletzliches, lernfähiges, resonanzfähiges Wirkungswesen in Beziehungen, Räumen, Geschichten und Institutionen. Er ist begrenzt rational, aber nicht irrational. Er ist freiheitsfähig, aber nicht voraussetzungslos frei. Er ist verantwortlich, aber nicht allein verantwortlich für Systeme, deren Signale falsch gesetzt sind. Er braucht Würde, Beziehung, Orientierung und Selbstwirksamkeit, damit Verantwortung mehr ist als ein Wort.

Dieses Menschenbild macht die Wirkungsökonomie anspruchsvoller als eine reine Anreiztheorie. Es macht sie aber auch realistischer. Es erklärt, warum Preise, Steuern, Institutionen und öffentliche Sprache später nicht nur technische Werkzeuge sind, sondern Rückkopplungen auf menschliche Wirklichkeit. Doch Teil IV hält an dieser Stelle inne. Noch geht es nicht um Umsetzung. Es geht um die Frage, woran Wirkung ausgerichtet wird.

Der Mensch ist kein isolierter Nutzenrechner. Er ist ein Wirkungswesen in Beziehungen, Räumen, Geschichten und Systemen. Wenn das stimmt, dann muss der nächste Schritt fragen, warum Menschen in Krisen nicht nur rational reagieren. Warum Angst, Status, Zugehörigkeit und Macht so stark werden, wenn Systeme unsicher werden. Diese Frage führt zu Kapitel 25.

Endnoten und Quellen zu Kapitel 24

Interne WÖk-Quellen

[I-K24-1] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands. Das Standardwerk der Wirkungsökonomie. Wirkung als Steuerungsgröße für Mensch, Planet und Demokratie, Manuskriptfassung 2025/2026. Grundlage für Wirkung als Zustandsveränderung, Wirkungspotenzial, Scheinleistung, Blindleistung, Wirkleistung, Wirkungsempfänger, Wirkungsträger und die Neudefinition von Leistung.

[I-K24-2] Weber, Natalie: Grundlagenpapier Wirkungsökonomie. Paradigmenwechsel für Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik, 2025. Grundlage für die Verschiebung von Kapital, Wachstum und kurzfristiger Effizienz hin zu messbarer Wirkung für gesellschaftlichen Wohlstand, ökologische Resilienz und nachhaltige Entwicklung.

[I-K24-3] Weber, Natalie: Nachhaltigkeit ist keine Strategie. Sie ist eine Systemarchitektur. Warum Nachhaltigkeit im kapitalszentrierten Steuerungsmodell strukturell unterbestimmt bleibt - und eine interdependente Wirkungslogik erfordert, 2025/2026. Grundlage für die systemische Einbettung von Nachhaltigkeit, Rückkopplung, Interdependenz, Netto-Wirkung und die Kritik falscher Preissignale.

[I-K24-4] Weber, Natalie: Leitbild für Mensch, Planet und Demokratie, Oktober 2025. Grundlage für die normative Trias Mensch, Planet und Demokratie sowie für die Leitbegriffe Nachhaltigkeit, Achtsamkeit, Teilgabe und systemische Kooperation.

[I-K24-5] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie. Die systemische Ordnungskarte Mensch-Planet-Demokratie, 2025. Hintergrundquelle für die Einbettung des Menschen in Staat, Wirtschaft, Finanzsystem, Gesellschaft, Medien, Gesundheit, Kultur, Wissen und Digitalisierung.

Externe Quellen

[E-K24-1] Simon, Herbert A.: A Behavioral Model of Rational Choice, in: The Quarterly Journal of Economics, Vol. 69, No. 1, 1955, S. 99-118. Zentrale Quelle für begrenzte Rationalität und die Abgrenzung zu Modellen vollständiger Rationalität.

[E-K24-2] Bandura, Albert: Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change, in: Psychological Review, Vol. 84, No. 2, 1977, S. 191-215. Grundlage für das Konzept der Selbstwirksamkeit als Voraussetzung handlungsfähiger Verantwortung.

[E-K24-3] Deci, Edward L.; Ryan, Richard M.: The What and Why of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior, in: Psychological Inquiry, Vol. 11, No. 4, 2000, S. 227-268. Externe Grundlage für Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als Bedingungen menschlicher Motivation.

[E-K24-4] Sen, Amartya: Development as Freedom, Oxford University Press, Oxford/New York, 1999. Bezugspunkt für Freiheit als reale Fähigkeit, Handlungsoptionen nutzen zu können, nicht nur als formale Wahlmöglichkeit.

[E-K24-5] Nussbaum, Martha C.: Creating Capabilities. The Human Development Approach, Harvard University Press, Cambridge, MA, 2011. Bezugspunkt für Würde, Fähigkeiten und menschliche Entfaltung als normative Maßstäbe.

[E-K24-6] Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 1 Abs. 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Externer rechtlich-normativer Bezug für Würde als Grenze jeder Reduktion des Menschen auf Funktion, Verwertung oder Kosten. Grundgesetz (GG): https://www.gesetze-im-internet.de/gg/

[E-K24-7] Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp, Berlin, 2016. Bezugspunkt für Resonanz als Qualität menschlicher Weltbeziehung; in diesem Kapitel nur als Erklärungsrahmen für die Wirkungsökonomie verwendet.

Zentrale Begriffe dieses Kapitels

Wirkung

Wirkung ist die tatsächliche Veränderung von Zuständen.