Teil Mensch, Planet und Demokratie
Kapitel 27 - Planet: Koexistenz statt Extraktion
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Kapitel 27 - Planet: Koexistenz statt Extraktion

Teil IV fragt, woran Wirkung ausgerichtet wird. Nach dem Menschen, nach Angst, Status, Zugehörigkeit, Macht, Sinn, Selbstwirksamkeit und Beziehung richtet sich der Blick nun auf den Planeten. Das ist kein Zusatzthema. Der Planet ist nicht die Umgebung der Wirtschaft. Er ist ihre Lebensbedingung.
Die Wirkungsökonomie versteht Natur nicht als Rohstofflager, das außerhalb menschlicher Gesellschaft liegt. Sie versteht Natur auch nicht als dekorative Kulisse für menschliches Leben. Natur ist Mit-System: Böden, Wasser, Klima, Biodiversität, Luft, Landschaften, Tiere, Pflanzen, Mikroorganismen, Meere, Wälder, Stadtgrün und regionale Ökosysteme bilden die Regenerationsgrundlage, ohne die Gesundheit, Wirtschaft, soziale Stabilität und Demokratie nicht bestehen können [I-K27-1][I-K27-2].
Damit verändert sich das Naturbild. Der Mensch steht nicht außerhalb der Natur und greift von dort aus in eine beherrschbare Außenwelt ein. Er lebt in den Kreisläufen, die er verändert. Er atmet Luft, die industrielle Prozesse und Verkehr prägen. Er isst Nahrung, die Böden, Wasser und Bestäubung voraussetzt. Er wohnt in Räumen, die Hitze, Lärm, Material, Energie und Grünflächen verbinden. Er ist körperlich, sozial und kulturell Teil dessen, was er lange als Umwelt bezeichnet hat.
Der Leitgedanke dieses Kapitels lautet: Koexistenz statt Extraktion.
27.1 Natur ist kein Rohstofflager
Die alte Ordnung behandelt Natur in weiten Teilen als Bestand, aus dem entnommen wird: Holz, Wasser, Boden, Öl, Gas, Metalle, Fläche, Fisch, genetische Vielfalt, Atmosphäre. Solange etwas entnommen, verarbeitet, verkauft und bilanziert werden kann, erscheint es als wirtschaftlicher Input. Der Schaden erscheint später, an anderer Stelle oder bei anderen Menschen.
Diese Sicht ist zu eng. Ein Wald ist nicht nur Holzbestand. Er ist Wasserspeicher, Klimaregulator, Lebensraum, Erholungsraum, Bodenhalter, Schutz vor Hitze, Quelle kultureller Bedeutung und Teil regionaler Identität. Ein Boden ist nicht nur Produktionsfläche. Er ist lebendiges System, Speicher, Filter, Nahrungsvoraussetzung und Zeitkörper, der über Jahrzehnte aufgebaut und in kurzer Zeit zerstört werden kann. Wasser ist nicht nur Ressource. Es ist Lebensbedingung, Gesundheitsgrundlage, Konfliktfaktor, Landschaftsgestalter und Teil sozialer Sicherheit.
Wenn Natur nur als Rohstofflager betrachtet wird, werden diese Wirkungen unsichtbar. Dann erscheint Entnahme als Wertschöpfung, während Regeneration als Kostenfaktor gilt. Genau hier liegt der alte Fehler. Wirtschaft zählt die Nutzung, aber nicht ausreichend den Zustand des Systems, das genutzt wird. Kapital kann wachsen, während Naturkapital schrumpft. Bilanzen können stabil aussehen, während Böden, Wasser, Artenvielfalt und Klima instabiler werden [I-K27-3][E-K27-3].
Die Wirkungsökonomie verschiebt den Blick. Natur ist nicht erst wertvoll, wenn sie in Waren verwandelt wird. Sie ist wertvoll, weil sie Leben, Stabilität und Regeneration ermöglicht. Ihr Zustand ist kein Nebenfeld der Ökonomie. Er ist ein Kernzustand von Wohlstand.
27.2 Der Mensch ist kein Herrscher außerhalb der Natur
Das moderne Wirtschaftsdenken hat lange mit einem unsichtbaren Außen gearbeitet. Hier der Mensch, dort die Natur. Hier Wirtschaft, dort Umwelt. Hier Produktion, dort Folgen. Diese Trennung war praktisch, aber falsch.
Alan Watts ist in diesem Kapitel keine Autorität für Ökonomie. Er ist eine philosophische Tiefenlinie, weil er eine Illusion benennt, die zur alten Ordnung passt: die Vorstellung eines isolierten Ichs, das einer äußeren Welt gegenübersteht und sie kontrollieren kann [E-K27-1]. Aus wirkungsökonomischer Sicht ist genau diese Vorstellung gefährlich. Wer sich außerhalb eines Systems wähnt, kann leichter glauben, seine Eingriffe hätten keine Rückwirkung auf ihn selbst.
Der Mensch ist aber nicht außerhalb. Er ist in Rückkopplung. Klimaschäden kehren als Hitze, Ernteausfall, Versicherungskosten, Migration, Gesundheitsbelastung und politische Instabilität zurück. Wasserstress kehrt als Konflikt, Preis, Krankheit, Produktionsrisiko und Ernährungsunsicherheit zurück. Bodenverlust kehrt als Ernteproblem, Gesundheitsrisiko, Biodiversitätsverlust und Abhängigkeit zurück. Verlust von Naturzugang kehrt als psychische Belastung, geringere Lebensqualität und schwächere soziale Räume zurück.
Die Beherrschungsillusion sagt: Wir kontrollieren Natur.
Die Wirkungsökonomie sagt: Wir verändern Wirkungsräume, von denen wir abhängen.
Das ist keine romantische These. Es ist eine Systemthese. Jedes Wirtschaften in Natur hinein verändert die Bedingungen künftigen Wirtschaftens. Wer Böden erschöpft, verliert künftige Fruchtbarkeit. Wer Wasser übernutzt, verliert künftige Versorgungssicherheit. Wer Klima destabilisiert, verliert künftige Planbarkeit. Wer Biodiversität reduziert, schwächt die Regenerationsfähigkeit von Ökosystemen. Wer Naturzugang zerstört, schwächt auch Gesundheit, Resonanz und Lebensqualität [I-K27-2][E-K27-4].
27.3 Koexistenz statt Extraktion
Extraktion bedeutet mehr als Rohstoffabbau. Extraktion ist eine Haltung zum System. Sie entnimmt Wert, ohne die Regeneration des entnehmenden Systems ausreichend zu sichern. Sie rechnet kurzfristig, räumlich eng und kapitalzentriert. Sie sieht Ertrag, aber nicht Rückwirkung.
Koexistenz ist das Gegenprinzip. Koexistenz heißt nicht, dass Menschen nicht nutzen, bauen, essen, produzieren, forschen oder gestalten dürfen. Eine Gesellschaft kann ohne Eingriffe in Natur nicht leben. Koexistenz heißt, dass Nutzung an Regeneration, Grenzen, Rückkopplung und Mit-Systeme gebunden wird. Die Frage lautet nicht: Wie kann Natur maximal verwertet werden? Die Frage lautet: Welche Form des Wirtschaftens erhält die Bedingungen, unter denen Leben, Freiheit und Demokratie möglich bleiben?
Die Wirkungsökonomie ist deshalb keine Anti-Wirtschaft. Sie ist eine Korrektur der wirtschaftlichen Richtung. Sie sagt nicht: keine Nutzung. Sie sagt: keine Nutzung, die ihre Lebensgrundlage aufbraucht und die Kosten in andere Räume oder Zeiten verschiebt.
Hier schließt der Gedanke des Vorgriffswohlstands an. Gegenwartswohlstand, der Zukunft zerstört, ist kein echter Wohlstand. Er ist Vorgriff. Wenn eine Gesellschaft heute hohe Renditen, günstige Preise oder Wachstum erzielt, indem sie Böden, Wasser, Klima, Biodiversität, Gesundheit oder demokratische Stabilität schwächt, dann lebt sie nicht wohlhabender. Sie verbraucht künftige Stabilität [I-K27-4].
Koexistenz heißt deshalb: Wohlstand darf nicht aus dem Verzehr seiner eigenen Voraussetzungen entstehen.
27.4 Naturkapital ohne Naturverkürzung
Der Begriff Naturkapital ist hilfreich und riskant zugleich. Er ist hilfreich, weil er sichtbar macht, dass Natur Bestände, Flüsse, Leistungen und Abhängigkeiten umfasst, die in klassischen Wohlstandsrechnungen lange unsichtbar blieben. Böden, Wälder, Wasser, Biodiversität und Klima sind keine kostenlosen Hintergründe. Sie sind tragende Bestände einer Volkswirtschaft und einer Gesellschaft [I-K27-5][E-K27-3].
Der Begriff ist riskant, wenn er Natur erneut in die Sprache des Kapitals zwingt. Natur ist nicht nur Kapital. Ein Fluss ist nicht nur Vermögenswert. Ein Wald ist nicht nur Bilanzposten. Ein Tier ist nicht nur Funktionsgröße. Eine Landschaft ist nicht nur Standortfaktor. Die Wirkungsökonomie darf Naturkapital daher nicht als Eigentumsform missverstehen. Sie nutzt den Begriff, um Abhängigkeiten sichtbar zu machen, nicht um Natur auf Verwertbarkeit zu reduzieren.
Naturkapital bedeutet in diesem Buch: Die Regenerationsfähigkeit der Natur gehört zur Wohlstandsrechnung. Wer sie verbraucht, erzeugt Verlustleistung. Wer sie erhält oder stärkt, erzeugt Wirkleistung. Wer sie ignoriert, betreibt Scheinwohlstand. Eine Gesellschaft kann reich wirken, wenn Geldvermögen steigt, und dennoch ärmer werden, wenn Wasser, Boden, Klima, Biodiversität und Gesundheit schwächer werden.
Darum darf Naturkapital nicht erst gezählt werden, wenn es zerstört ist. Es muss als tragender Bestand in die Wohlstandslogik eingehen [I-K27-5]. Die konkrete Messarchitektur folgt später. In diesem Kapitel geht es nur um das Naturbild: Regenerationsfähigkeit ist keine technische Variable am Rand. Sie ist eine Lebensbedingung.
27.5 Regenerationsfähigkeit als Wohlstandsbedingung
Regeneration unterscheidet lebendige Systeme von bloßen Beständen. Ein Lager wird leerer, wenn man entnimmt. Ein lebendiges System kann sich erneuern, solange seine Bedingungen erhalten bleiben. Böden können Humus aufbauen. Wälder können wachsen. Gewässer können sich reinigen. Arten können Lebensräume stabilisieren. Menschen können sich erholen. Gesellschaften können Vertrauen erneuern. Demokratien können Korrektur leisten.
Regeneration braucht Zeit, Vielfalt, Schutz, Räume, Rückkopplung und Grenzen. Wenn Entnahme schneller geschieht als Regeneration, entsteht Verlust. Wenn Belastung die Erneuerungsfähigkeit überschreitet, entsteht Kipprisiko. Wenn ein System nur noch repariert wird, aber nicht regeneriert, wird es teuer, fragil und unlebendig.
Die Wirkungsökonomie betrachtet Regenerationsfähigkeit deshalb als systemischen Wert. Klima, Wasser, Boden und Biodiversität sind nicht nur ökologische Felder. Sie wirken auf Gesundheit, Wohnen, Ernährung, Migration, Kapital, Versicherbarkeit, Infrastruktur, Arbeit, Konflikte und demokratische Stabilität. Planetare Stabilität ist nicht das Gegenstück zu Wohlstand. Sie ist seine Voraussetzung [I-K27-1][E-K27-2].
Daraus folgt eine einfache Ordnung: Was Regeneration stärkt, erhöht Wirkungswohlstand. Was Regeneration schwächt, erzeugt Vorgriffswohlstand. Was Regeneration nur kosmetisch behauptet, erzeugt Scheinwirkung. Was Regeneration verhindert, erzeugt Verlustleistung.
27.6 Böden, Wasser, Klima, Biodiversität, Gesundheit und Lebensqualität
Die Wirkung des Planeten auf den Menschen zeigt sich nicht abstrakt. Sie zeigt sich in Böden, Wasser, Klima, Biodiversität, Gesundheit und Lebensqualität.
Böden bestimmen Ernährung, Wasseraufnahme, Artenvielfalt, Kohlenstoffspeicherung und Landschaftsstabilität. Ein zerstörter Boden ist nicht nur ein landwirtschaftliches Problem. Er verändert Preise, Gesundheit, regionale Resilienz und Abhängigkeit.
Wasser bestimmt Leben, Hygiene, Energie, Landwirtschaft, Industrie, Stadtklima und Konfliktlagen. Wasserstress ist nicht nur Umweltproblem. Er ist Gesundheits-, Wirtschafts-, Sicherheits- und Demokratierisiko.
Klima bestimmt Temperatur, Ernten, Versicherung, Migration, Infrastruktur, Arbeitsbedingungen, Gesundheit und staatliche Handlungsfähigkeit. Klimastabilität ist nicht Luxus. Sie ist Planbarkeitsgrundlage.
Biodiversität bestimmt Regeneration, Bestäubung, Bodenleben, Schädlingsbalance, medizinisches Wissen, Nahrungssysteme und ökologische Stabilität. Artenvielfalt ist nicht Schmuck der Natur. Sie ist Funktionsvielfalt lebendiger Systeme.
Gesundheit ist an Natur gebunden. Luft, Hitze, Lärm, Wasser, Ernährung, Bewegung, Naturzugang und psychische Erholung wirken auf Körper und Psyche. Die One-Health-Perspektive macht diese Verflechtung sichtbar, indem sie menschliche Gesundheit, Tiergesundheit und Ökosystemzustände gemeinsam betrachtet [E-K27-5].
Lebensqualität entsteht nicht nur durch Einkommen. Sie entsteht durch sichere Räume, Naturzugang, Erholung, soziale Begegnung, Klimakomfort, gesunde Nahrung, sauberes Wasser, gute Luft und das Gefühl, nicht in einer zerstörten Welt zu leben. Das Systemmodell der Wirkungsökonomie ordnet Naturzugang, Gesundheit, Wohnen, Versorgung, soziale Bindung und Resilienz als Bestandteile lebenswerter Räume ein [I-K27-2].
Diese Felder werden später praktisch ausgearbeitet. In Teil IV reicht der normative Grundsatz: Planetare Wirkung ist nicht nur Wirkung auf „die Umwelt“. Sie ist Wirkung auf die Bedingungen menschlicher Freiheit.
27.7 Natur als Resonanzraum
Natur ist nicht nur Funktionsgrundlage. Sie ist auch Resonanzraum. Menschen erleben Welt nicht nur über Nutzung. Sie erleben Welt über Wahrnehmung: Licht, Schatten, Wind, Geruch, Geräusch, Boden, Weite, Jahreszeiten, Tiere, Pflanzen, Wasser, Himmel. Natur kann beruhigen, öffnen, verbinden, erinnern, erden. Sie kann Lebensqualität und Zugehörigkeit zur Welt stärken.
Dieser Gedanke darf nicht mit einem objektiven Schönheitsmaßstab verwechselt werden. Schönheit ist subjektiv, kulturell geprägt, vergänglich und nicht normierbar. Die Wirkungsökonomie kann nicht festlegen, was schön ist. Sie kann aber erkennen, dass ästhetische, sensorische und lebendige Qualität von Räumen Wirkung hat. Hässlichkeit im Sinne von Verwahrlosung, Versiegelung, Lärm, Dunkelheit, Gestank, Hitze, Enge und Naturverlust ist kein bloßes Geschmacksproblem. Sie kann Gesundheit, Vertrauen, Begegnung, Sicherheit und Würde verändern.
Natur als Resonanzraum meint daher nicht: Das Schöne wird zum Messwert.
Es meint: Eine gute Ordnung schützt Räume, in denen Menschen Lebendigkeit, Erholung, Beziehung und Verbundenheit erfahren können. Das gilt für Landschaften, Wälder und Gewässer, aber auch für Städte, Quartiere, Schulen, Pflegeorte, Arbeitsräume und öffentliche Plätze. Natur ist dort nicht Dekoration. Sie ist Teil der Lebensqualität.
Die Wirkungsökonomie verbindet diesen Gedanken mit Wirkung, nicht mit Romantik. Wenn Naturzugang psychische Gesundheit, Bewegung, Hitzeresilienz, soziale Begegnung und Lebensfreude stärkt, dann ist das Wirkung. Wenn Naturverlust Stress, Isolation, Hitze, Krankheit und Entfremdung verstärkt, dann ist das ebenfalls Wirkung [I-K27-2][E-K27-6].
27.8 Der Planet als Mit-System der Demokratie
Der Planet ist auch Demokratiethema. Das klingt zunächst ungewohnt, ist aber notwendig.
Wenn ökologische Schäden sozial ungleich verteilt werden, entsteht politischer Konflikt. Wenn Wasser knapp wird, Wohnräume überhitzen, Versicherungen ausfallen, Lebensmittelpreise steigen oder Migration zunimmt, werden demokratische Systeme belastet. Wenn Klimaschutz als Zumutung für einige erlebt wird, während andere weiter von zerstörerischen Strukturen profitieren, sinkt Vertrauen. Wenn Naturzerstörung nur in Berichten erscheint, aber Preise, Kapitalflüsse und Haushalte unverändert bleiben, entsteht Legitimitätsverlust.
Planetare Koexistenz braucht daher demokratische Aushandlung. Sie darf nicht als technokratische Wahrheit von oben verordnet werden. Zugleich darf sie nicht in beliebige Meinung aufgelöst werden. Naturzustände sind real. Planetare Grenzen sind keine Geschmacksfrage. Aber die Wege, Lasten, Prioritäten und Übergänge müssen demokratisch verhandelt werden [E-K27-2].
Hier schließt Teil IV an die Demokratielogik des folgenden Kapitels an. Wenn der Planet Lebensbedingung ist, muss Demokratie der Raum sein, in dem Gesellschaft über diese Lebensbedingung fair, wahrheitsfähig und korrigierbar verhandelt. Ohne Demokratie droht ökologische Politik autoritär zu werden. Ohne planetare Wahrheit droht Demokratie kurzsichtig zu werden.
Die Wirkungsökonomie braucht beides: planetare Wirklichkeit und demokratische Korrekturfähigkeit.
27.9 Kein Naturkult, keine Technikfeindlichkeit
Koexistenz statt Extraktion bedeutet nicht Naturkult. Es bedeutet nicht, Technik, Industrie, Städte oder Märkte abzulehnen. Menschen gestalten Welt. Sie bauen, heilen, forschen, organisieren, erfinden, kultivieren und nutzen. Die Frage ist nicht, ob Menschen gestalten. Die Frage ist, ob ihre Gestaltung Regeneration stärkt oder erschöpft.
Technik kann zerstören. Technik kann aber auch regenerieren helfen: saubere Energie, Kreislaufmaterialien, Wasseraufbereitung, ökologische Daten, medizinische Versorgung, klimafähige Gebäude, effiziente Mobilität, bessere Planung, robuste Infrastrukturen. Die Wirkungsökonomie bewertet Technik nicht nach ihrem Neuheitswert und nicht nach einer romantischen Gegenüberstellung von Natur und Technik. Sie bewertet Technik nach Wirkung.
Ebenso bewertet sie Wirtschaft nicht nach Wachstum oder Schrumpfung allein. Ein Wirtschaftsprozess, der Böden aufbaut, Wasser schützt, Gesundheit fördert, Lebensqualität erhöht und demokratisch anschlussfähig bleibt, kann wachsen. Ein Wirtschaftsprozess, der Naturkapital verbraucht, Menschen belastet und Zukunftskosten verschiebt, darf nicht als Wohlstand gelten, nur weil er Kapital mehrt.
Damit wird Koexistenz zur praktischen Grundhaltung: Nutzung ja, wenn sie regenerativ, rückgekoppelt und verantwortbar ist. Extraktion nein, wenn sie den eigenen Lebensraum verzehrt und die Kosten an andere Orte, Menschen oder Generationen verschiebt.
27.10 Fazit: Lebensbedingung, nicht Umgebung
Der Planet ist nicht die Umgebung der Wirtschaft. Er ist ihre Lebensbedingung.
Natur ist kein Rohstofflager. Der Mensch ist kein Herrscher außerhalb der Natur. Böden, Wasser, Klima, Biodiversität, Gesundheit und Lebensqualität bilden gekoppelte Wirkungsräume. Wer sie stärkt, erhöht Wirkungswohlstand. Wer sie schwächt, erzeugt Vorgriffswohlstand. Wer sie nur als Kapitalbestand zählt, ohne Rückkopplung in Entscheidungen zu schaffen, betreibt Buchhaltung ohne Wirkung.
Alan Watts hilft, die Kontrollillusion des isolierten Ichs zu erkennen. Die Wirkungsökonomie übersetzt diese Einsicht in Systemlogik: Menschen leben in Rückkopplung mit den natürlichen Systemen, die sie verändern. Naturkapital macht Abhängigkeiten sichtbar, darf Natur aber nicht auf Verwertbarkeit verkürzen. Regenerationsfähigkeit wird zur Wohlstandsbedingung. Natur ist Funktionsgrundlage und Resonanzraum, aber Schönheit ist kein normierbarer Maßstab. Maßgeblich sind Lebensqualität, Lebendigkeit, Regeneration und Verbundenheit.
Damit endet dieses Kapitel nicht bei Naturphilosophie. Es bereitet die nächste normative Frage vor: Wie kann eine Gesellschaft diese Einsicht demokratisch verhandeln, ohne Natur zur Meinungssache zu machen und ohne ökologische Wahrheit autoritär zu verordnen?
Diese Frage führt zu Kapitel 28: Demokratie als Wirkungsraum.
Endnoten und Quellen zu Kapitel 27
Interne WÖk-Quellen
[I-K27-1] Weber, Natalie: Nachhaltigkeit ist keine Strategie. Sie ist eine Systemarchitektur, 2026. Grundlage für die Einordnung von Klima, Biodiversität, Gesundheit, digitalen Öffentlichkeiten, Finanzmärkten und politischen Institutionen als rekursiv gekoppelte Systeme sowie für die Kritik an additiver Nachhaltigkeitslogik.
[I-K27-2] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie. Die systemische Ordnungskarte Mensch-Planet-Demokratie, 2025. Grundlage für Naturzugang, Lebensqualität, soziale Kohäsion, planetare und lokale Resilienz, Kapital als Wirkungskraft sowie Boden, Wasser, Biodiversität, Ernährung und Gesundheit als verbundene Wirkungsfelder.
[I-K27-3] Weber, Natalie: Leitbild für Mensch, Planet und Demokratie, Oktober 2025. Grundlage für Wirkung als Kompass und für die normative Trias Mensch, Planet und Demokratie.
[I-K27-4] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Manuskriptfassung 2026. Grundlage für Wirkungswohlstand, Vorgriff, Wirkungskapital und die Aussage, dass Gegenwartswohlstand, der Zukunft zerstört, kein Wohlstand ist.
[I-K27-5] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Manuskriptfassung 2026, Abschnitt zum Wirkungs-BIP und Naturkapital. Grundlage für die Aussage, dass Naturkapital als tragender Bestand in die Wohlstandsrechnung eingehen muss und Buchhaltung ohne Lenkung nicht ausreicht.
Externe Quellen
[E-K27-1] Watts, Alan: The Book: On the Taboo Against Knowing Who You Are, Pantheon, New York, 1966; Watts, Alan: Nature, Man and Woman, Pantheon, New York, 1958. Bezugspunkt ist die Kritik am isolierten Ich und an der Vorstellung, der Mensch könne Natur als äußeres Objekt beherrschen. Die Wirkungsökonomie nutzt Watts nur als philosophische Tiefenlinie, nicht als eigenes Theoriegebäude.
[E-K27-2] Rockström, Johan et al.: A Safe Operating Space for Humanity, in: Nature, Vol. 461, 2009, S. 472-475; Steffen, Will et al.: Planetary Boundaries: Guiding Human Development on a Changing Planet, in: Science, Vol. 347, No. 6223, 2015. Bezugspunkt für planetare Grenzen als Bedingungen stabiler Entwicklung. Stockholm Resilience Centre - Planetary Boundaries: https://www.stockholmresilience.org/research/planetary-boundaries.html
[E-K27-3] Dasgupta, Partha: The Economics of Biodiversity: The Dasgupta Review, HM Treasury, London, 2021. Bezugspunkt für die Bedeutung von Naturkapital, Biodiversität und Regenerationsfähigkeit für Wohlstand und ökonomische Stabilität. The Economics of Biodiversity: The Dasgupta Review: https://www.gov.uk/government/publications/final-report-the-economics-of-biodiversity-the-dasgupta-review
[E-K27-4] Millennium Ecosystem Assessment: Ecosystems and Human Well-being: Synthesis, Island Press, Washington, D.C., 2005. Bezugspunkt für Ökosystemleistungen und die Verflechtung von Naturzuständen mit menschlichem Wohlergehen.
[E-K27-5] World Health Organization; Food and Agriculture Organization of the United Nations; World Organisation for Animal Health; United Nations Environment Programme: One Health Joint Plan of Action 2022-2026, 2022. Bezugspunkt für die Verbindung menschlicher Gesundheit, Tiergesundheit und Ökosystemgesundheit. - WHO - One Health Joint Plan of Action 2022-2026: https://www.who.int/publications/i/item/9789240059139 - World Health Organization: https://www.who.int/ - FAO: https://www.fao.org/.
[E-K27-6] Ulrich, Roger S.: View Through a Window May Influence Recovery from Surgery, in: Science, Vol. 224, No. 4647, 1984, S. 420-421; Kaplan, Rachel; Kaplan, Stephen: The Experience of Nature: A Psychological Perspective, Cambridge University Press, 1989. Bezugspunkt für Naturerfahrung, Erholung, Aufmerksamkeit und psychische Wirkung von Naturzugang.
The Economics of Biodiversity: The Dasgupta Review: https://www.gov.uk/government/publications/final-report-the-economics-of-biodiversity-the-dasgupta-review
Zentrale Begriffe dieses Kapitels
Wirkung
Wirkung ist die tatsächliche Veränderung von Zuständen.
Mensch, Planet und Demokratie
Mensch, Planet und Demokratie bilden den normativen Wirkungsrahmen der Wirkungsökonomie.