Teil Produkte, Märkte und Preise
Kapitel 50 - Produktscorecards
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Kapitel 50 - Produktscorecards
Kapitel 48 hat Produkte als Wirkungsträger beschrieben. Kapitel 49 hat gezeigt, warum Preise realere Wirkungen sichtbar machen müssen. Zwischen Produktdaten und Preissignal steht eine methodische Frage: Wie wird aus vielen Daten eine nachvollziehbare Bewertung, ohne das Produkt auf eine einzige Zahl zu verkürzen?
Die Produktscorecard beantwortet diese Frage. Sie übersetzt Produktdaten in eine strukturierte Wirkungsbewertung. Sie baut auf den WÖk-IDs, Benchmarks, Skalen, Scorecards und der Reverse Merit Order auf, die in den methodischen Teilen eingeführt wurden. Im Unterschied zur allgemeinen Scorecard-Logik wird sie produktbezogen angewendet: auf Produktgruppe, Lebenszyklus, Nutzungskontext, Vorleistungen, Datenqualität, Prüfstatus und relevante Wirkungsfelder [I-K50-1; I-K50-2].
Eine Produktscorecard ist kein Werbesiegel. Sie ist keine moralische Auszeichnung und kein Kommunikationsetikett. Sie ist ein methodisches Bewertungsinstrument. Ihr Zweck besteht darin, Produktwirkung lesbar, prüfbar, vergleichbar und rückkopplungsfähig zu machen.
Der Leitgedanke lautet: Eine Produktscorecard übersetzt Produktdaten in eine nachvollziehbare Wirkungsbewertung, ohne das Produkt auf einen bloßen Zahlenwert zu verkürzen.
Für Produkte verdichtet die Scorecard Lebenszyklus, Lieferkette, Nutzung und Nachwirkung. Der FinalScore wird nicht als Durchschnitt gebildet, sondern durch die schwächste relevante Wirkung begrenzt [I-K50-5; I-K50-6].
Tabelle 50-1: Produkt-Scorecard als Muster
| Feld | Typische Datenquelle | Beispielfrage |
| Produktidentifikation | Digitaler Produktpass, Herstellerdaten, Charge, Modell | Welches Produkt wird bewertet? |
| Klassifikation | NACE, Produktgruppe, Zoll- oder Warenklassifikation | Welche wirtschaftliche Aktivität oder Produktgruppe ist relevant? |
| Klima | ESRS E1, GRI 305, LCA, EPD | Welche CO2e-Wirkung entsteht entlang des Lebenszyklus? |
| Wasser | ESRS E3, GRI 303, Standortdaten, Wasserstress-Indizes | Entsteht Wasserstress oder Wasserentlastung? |
| Biodiversität und Boden | ESRS E4, GRI 304, Standort- und Landnutzungsdaten | Werden Ökosysteme geschädigt, stabilisiert oder regeneriert? |
| Ressourcen und Kreislauf | ESRS E5, GRI 301/306, Produktpass, Recyclingdaten | Wie hoch sind Materialeinsatz, Reparierbarkeit, Rücknahme und Recyclingfähigkeit? |
| Arbeit und Fairness | ESRS S1/S2, ILO-Bezug, Lieferantenaudits | Sind Arbeitsrechte, Löhne und Sicherheit nachgewiesen? |
| Gesundheit und Sicherheit | Produktsicherheit, REACH, Prüfberichte, Rückrufdaten | Entstehen Gesundheits- oder Sicherheitsrisiken? |
| Demokratie und Daten | DSA-/AI-Act-Bezug, Datenschutz, Plattform- oder KI-Prüfung | Gibt es Manipulations-, Datenschutz- oder Diskursrisiken? |
| FinalScore | Scorecard-Aggregation mit Reverse Merit Order | Welches schwächste Feld bestimmt die Wirkungsklasse? |
50.1 Aufbau
Eine Produktscorecard beginnt mit der klaren Bestimmung des Bewertungsgegenstands. Es muss erkennbar sein, welches Produkt, welche Produktgruppe, welches Modell, welche Charge oder welche funktionale Einheit bewertet wird. Ohne diese Abgrenzung kann keine belastbare Aussage entstehen. Ein einzelnes Produktmodell kann anders wirken als eine ganze Produktfamilie. Eine Produktionscharge kann andere Daten haben als ein Jahresdurchschnitt. Eine Produktgruppe in einem Konzern kann deutlich andere Wirkung zeigen als der Konzernmittelwert [I-K50-5].
Danach folgt die Klassifikation. Produktscorecards brauchen NACE, Produktgruppen, gegebenenfalls CPA, Zollcodes, Funktionsklassen oder andere Zuordnungen. Diese Klassifikation verhindert freie Einzelfallbewertung. Ein Apfel wird nicht mit Stahl verglichen. Ein Textilprodukt wird nicht wie ein digitaler Dienst behandelt. Ein Baustoff wird nicht wie ein Pflegeangebot gelesen. Jede Produktart braucht eine eigene Wirkungslogik, bleibt aber in der gemeinsamen Grammatik von Mensch, Planet und Demokratie anschlussfähig [I-K50-2; I-K50-4].
Der nächste Baustein sind relevante SDGs und SDG+-Felder. Sie stellen den normativen Bezug her. Ein Produkt kann auf Klima, Wasser, Gesundheit, Arbeit, Bildung, Gleichstellung, Ressourcen, Infrastruktur, Datenschutz, Medienqualität oder demokratische Stabilität wirken. Nicht jedes Produkt berührt jedes Feld mit gleicher Stärke. Die Scorecard muss daher die relevanten Wirkungsfelder auswählen und begründen.
Danach werden WÖk-IDs zugeordnet. Sie machen die einzelnen Indikatoren adressierbar. Eine WÖk-ID steht nicht für eine diffuse Nachhaltigkeitsbehauptung, sondern für einen konkreten Wirkungsindikator mit Einheit, Datenquelle, Systemgrenze, Prüfanforderung und Version [I-K50-1]. Erst dadurch wird eine Scorecard prüfbar.
Auf diese Indikatoren folgen Messwerte, Datenquellen und Datenqualität. Daten können aus Primärdaten, Audits, EPDs, ESRS- oder GRI-Berichten, Produktpässen, Lieferantendaten, Messungen, Registern, amtlichen Statistiken, Branchenwerten oder plausibilisierten Schätzungen stammen. Die Scorecard muss ausweisen, ob ein Wert geprüft, plausibilisiert, geschätzt, veraltet, unvollständig oder unsicher ist.
Dann kommen Benchmarks und Archetypen. Benchmarks geben den Vergleichsrahmen. Archetypen beschreiben die Bewertungsfunktion: lower is better, higher is better, near zero oder andere Wirkungslogiken [I-K50-2]. Ein niedriger CO2-Wert ist meist besser. Ein hoher Anteil existenzsichernder Löhne ist besser. Bei manchen Indikatoren ist nicht der höchste oder niedrigste Wert gut, sondern ein tragfähiger Bereich.
Aus Messwert, Benchmark und Archetyp entsteht ein Einzelscore. Die WÖk-Architektur nutzt dafür die Skala von -3 bis +3: von hoch schädlicher oder nicht akzeptabler Wirkung bis transformativ positiver Wirkung [I-K50-2]. Diese Skala darf nicht mechanisch gelesen werden. Ihre Aussagekraft hängt von Datenqualität, Systemgrenze, Kontext, Benchmark und Prüfung ab.
Schließlich folgt der FinalScore. Er fasst die relevanten Einzelbewertungen nach der festgelegten Logik zusammen und berücksichtigt Datenqualität, Ausschlussindikatoren und Reverse Merit Order. Er ist keine Durchschnittsnote. Er ist die steuerungsfähige Gesamtbewertung eines Produkts. Er zeigt, wo die stärkste positive Wirkung liegt, wo kritische Engpässe bestehen, welche Daten fehlen und welche Veränderung den größten Unterschied machen würde [I-K50-2; I-K50-3].
50.2 Kernfelder
Eine Produktscorecard muss produktbezogen bleiben. Sie darf nicht jedes mögliche Feld gleich behandeln. Dennoch gibt es Kernfelder, die für viele Produktgruppen wiederkehren.
Das erste Kernfeld ist Klima und Energie. Es umfasst produktbezogene Emissionen, Energiebedarf, Emissionsintensität, Nutzungsemissionen und Lebenszyklusbezug. Bei manchen Produkten liegt der Schwerpunkt in der Herstellung, bei anderen in der Nutzung. Ein Gerät kann in der Herstellung aufwendig sein, aber in der Nutzung Energie sparen. Ein Baustoff kann hohe Prozess-Emissionen haben, aber lange Lebensdauer ermöglichen. Die Scorecard muss den relevanten Lebenszyklusabschnitt sichtbar machen.
Das zweite Kernfeld ist Wasser, Boden und Biodiversität. Ein Produkt kann geringe Klimaemissionen zeigen und dennoch in Wasserstressregionen problematisch sein. Es kann Bodenqualität, Landnutzung oder Biodiversität beeinträchtigen. Diese Felder verhindern, dass Klimawerte alle anderen planetaren Wirkungen überdecken [I-K50-3; I-K50-6].
Das dritte Kernfeld ist Material, Kreislauf und Ende des Lebenszyklus. Dazu gehören Materialintensität, Rezyklatanteil, Reparierbarkeit, Rücknahme, Langlebigkeit, Schadstofffreiheit, Recyclingfähigkeit und Abfallvermeidung. Ein Produkt mit niedrigem Kaufpreis und kurzer Lebensdauer kann im Score schwächer sein als ein teureres, langlebigeres und reparierbares Produkt, wenn der Lebenszyklus betrachtet wird.
Das vierte Kernfeld ist Arbeit und Menschenrechte. Existenzsichernde Löhne, Arbeitsschutz, Kinder- und Zwangsarbeitsausschluss, Arbeitszeit, Mitbestimmung, Diskriminierungsfreiheit, Sicherheit und Lieferkettenrisiken gehören zu den zentralen Indikatoren. Dieses Feld ist besonders wichtig, weil schwere soziale Schäden nicht durch gute ökologische Werte ausgeglichen werden dürfen [I-K50-6; E-K50-4].
Das fünfte Kernfeld ist Gesundheit und Produktsicherheit. Es betrifft Schadstoffe, Sicherheit, ergonomische Wirkung, psychische Wirkung, Barrierefreiheit, Ernährungswirkung, Lärm, Luftqualität oder andere gesundheitliche Zustandsveränderungen. Je nach Produktgruppe kann dieses Feld sehr unterschiedlich ausfallen.
Das sechste Kernfeld ist Daten, digitale Wirkung und Demokratiebezug, soweit das Produkt digitale Funktionen, algorithmische Steuerung, Kommunikation, Plattformanbindung oder personenbezogene Daten berührt. Nicht jedes Produkt hat ein demokratisches Wirkungsfeld. Aber digitale Produkte, Medienprodukte, vernetzte Geräte, KI-gestützte Dienste oder Kommunikationsinfrastrukturen können Wirkung auf Selbstbestimmung, Manipulationsrisiken, Transparenz, Datenschutz und öffentliche Resonanz erzeugen [I-K50-3].
Das siebte Kernfeld ist Resilienz und Versorgung. Manche Produkte sind relevant für kritische Funktionen: Gesundheit, Energie, Wasser, Ernährung, Kommunikation, Mobilität, Pflege, Sicherheit, Verwaltung oder Bildung. Ein Produkt kann deshalb nicht nur nach Einzelwirkung, sondern auch nach seiner Bedeutung für Systemstabilität gelesen werden.
Diese Kernfelder sind keine starre Liste für jede Produktgruppe. Sie bilden eine Suchordnung. Die Scorecard muss auswählen, was relevant ist, und offenlegen, warum bestimmte Felder einbezogen oder ausgeschlossen wurden. Produktscorecards dürfen keine Gleichmacherei zwischen Produktgruppen erzeugen. Ein Lebensmittel hat andere Kernfelder als ein Textil, ein Arzneimittel, ein Baustoff, ein Smartphone, eine Software oder eine Wärmepumpe. Die methodische Grammatik bleibt gleich. Die relevanten Felder unterscheiden sich.
50.3 FinalScore
Der FinalScore ist die zusammengeführte Wirkungsbewertung eines Produkts. Er ist notwendig, weil Märkte, Unternehmen, Handel, öffentliche Stellen und Kund:innen nicht mit unüberschaubaren Einzeldaten arbeiten können. Sie brauchen eine verständliche Gesamtinformation. Gleichzeitig darf diese Gesamtinformation kritische Schäden nicht verdecken.
Deshalb ist der FinalScore kein Durchschnitt. Er entsteht nach Anwendung von Benchmarks, Einzelscores, Datenqualität, Ausschlussindikatoren und Reverse Merit Order [I-K50-2]. Diese Logik unterscheidet ihn von vielen klassischen Ratings. In klassischen Ratings können positive Werte in einem Feld negative Werte in einem anderen Feld teilweise ausgleichen. Die Wirkungsökonomie begrenzt diese Verrechnung. Ein Produkt mit guter CO2-Bilanz und Kinderarbeit wird nicht positiv. Ein Produkt mit hohem Rezyklatanteil und schwerem Wasserstress wird nicht unproblematisch. Ein Produkt mit guter Energieeffizienz und gravierenden Gesundheitsrisiken bleibt kritisch [I-K50-2; I-K50-6].
Der FinalScore zeigt daher nicht nur eine Gesamtklasse. Er zeigt einen Engpass. Er beantwortet: Welches Feld begrenzt die Gesamtwirkung? Welche Daten fehlen? Wo liegt das größte Risiko? Welche Verbesserung würde die Produktwirkung am stärksten verändern? Diese Informationen machen den FinalScore auch für Unternehmen nützlich. Er ist nicht nur ein Marktsignal. Er ist ein Innovationssignal.
Ein FinalScore muss Datenqualität enthalten. Ein Score mit geprüften Primärdaten hat eine andere Aussagekraft als ein Score mit Standardwerten oder Schätzungen. Ein Produkt mit Datenlücken darf nicht besser wirken als ein Produkt, das Risiken transparent macht. Deshalb gehören Datenqualitätsklassen, Prüfstatus, Unsicherheitsklasse und Version in die Produktscorecard [I-K50-1; I-K50-2].
Der FinalScore muss außerdem kontextsensibel sein. Ein Wasserwert hat in einer wasserarmen Region eine andere Bedeutung als in einer Region ohne Wasserstress. Ein Transportweg ist nicht isoliert zu bewerten, wenn Lagerung, Haltbarkeit, Verderb, Kühlung und Produktionsbedingungen mitwirken. Ein Material kann in einer Branche alternativlos sein, in einer anderen vermeidbar. Ein digitales Produkt kann geringe materielle Wirkung haben und dennoch Daten-, Manipulations- oder Energieeffekte erzeugen. Kontextsensibilität schützt vor falscher Einfachheit.
Gleichzeitig darf Kontext nicht als Ausrede dienen. Wenn jede Produktwirkung relativiert wird, verliert die Scorecard ihre Orientierungsfunktion. Kontextsensibilität bedeutet nicht Beliebigkeit. Sie bedeutet nachvollziehbare Einordnung. Ein Score muss erklären, warum ein Wert so bewertet wird, welche Vergleichsgruppe gilt, welcher Benchmark genutzt wurde und welche Systemgrenze gesetzt ist.
50.4 Grenzen und Sonderfälle
Produktscorecards sind notwendige Instrumente, aber sie haben Grenzen. Diese Grenzen müssen offen benannt werden, damit keine Scheingenauigkeit entsteht.
Die erste Grenze liegt in der Datenlage. Nicht alle Produktwirkungen sind mit derselben Präzision erfassbar. Manche Daten liegen als geprüfte Primärdaten vor. Andere stammen aus Lieferantenangaben, Branchenwerten, Lebenszyklusdatenbanken oder Schätzungen. Eine Scorecard muss diese Unterschiede sichtbar machen. Sie darf einen geschätzten Wert nicht wie einen geprüften Wert behandeln [E-K50-1].
Die zweite Grenze liegt in der Systemgrenze. Wird nur Herstellung betrachtet oder der ganze Lebenszyklus? Gehören Nutzung und Entsorgung dazu? Werden Vorprodukte einbezogen? Wie werden Nebenprodukte, Recycling und Mehrfachnutzung behandelt? Systemgrenzen entscheiden über Aussagekraft. ISO-Lebenszyklusnormen zeigen, wie wichtig Ziel, Untersuchungsrahmen, Systemgrenze und Datenqualität für eine belastbare Bewertung sind [E-K50-1].
Die dritte Grenze liegt in Sonderfällen. Manche Produkte haben sehr lange Nutzungsdauern. Andere sind einmalig. Manche sind Teil eines Systems, etwa Bauprodukte, Medizinprodukte, Softwaremodule oder Infrastrukturkomponenten. Manche Produkte entfalten ihre Hauptwirkung erst durch Nutzung. Andere wirken vor allem durch Herstellung oder Rohstoffe. Die Scorecard muss solche Fälle abbilden können, ohne für jede Produktart eine völlig neue Sprache zu erfinden.
Die vierte Grenze liegt in nicht messbaren oder schwer messbaren Wirkungen. Vertrauen, demokratische Resonanz, Selbstbestimmung, kulturelle Wirkung oder psychische Belastung lassen sich nicht immer so direkt erfassen wie Emissionen oder Materialmengen. Das heißt nicht, dass sie ignoriert werden dürfen. Sie brauchen qualitative Indikatoren, Prüfverfahren, Risikokategorien, Expert:innenbewertung oder Plausibilitätslogik. Eine Scorecard, die nur harte Materialdaten sieht, würde digitale und demokratische Produktwirkungen unterschätzen [I-K50-3].
Die fünfte Grenze liegt im Missbrauch. Eine Produktscorecard kann zur Werbesprache degradiert werden, wenn Unternehmen nur den Score zeigen, der ihnen nützt, während Datenqualität, Engpässe und rote Linien verborgen bleiben. Deshalb muss jede Scorecard Prüfstatus, Version, Systemgrenze, Datenqualität und Engpasslogik ausweisen. Eine Produktscorecard ist Bewertungsgrundlage, nicht Werbesiegel.
Die sechste Grenze liegt in der Aggregation. Ein Konzernwert reicht nicht für ein Produkt. Das Konzernbeispiel zeigt, warum aggregierte CSRD-Daten auf Unternehmensebene nicht genügen: In komplexen Konzernen können Produkte sehr unterschiedliche Wirkung haben; Daten müssen daher auf Produktgruppen, Anlagen, EPDs, Benchmarks und Scorecards heruntergebrochen werden [I-K50-5]. Sonst können gute Sparten schlechte Produktwirkungen überdecken.
Produktscorecards müssen daher robust, aber lernfähig sein. Sie geben keine endgültige Wahrheit aus. Sie liefern eine strukturierte, geprüfte und versionierte Bewertung auf Basis vorhandener Daten. Wenn neue Daten, bessere Benchmarks oder neue Risiken auftreten, muss die Scorecard angepasst werden können. Das ist keine Schwäche. Es ist Teil der Wirkungsökonomie als lernender Architektur.
50.5 Zwischenfazit
Eine Produktscorecard übersetzt Produktdaten in eine nachvollziehbare Wirkungsbewertung, ohne das Produkt auf einen bloßen Zahlenwert zu verkürzen. Sie verbindet Produktidentifikation, Klassifikation, SDG- und SDG+-Bezug, WÖk-IDs, Datenquellen, Benchmarks, Archetypen, Einzelscores, Ausschlussindikatoren, Kontextfaktoren, Datenqualität, Version, Prüfstatus und FinalScore.
Der FinalScore ist keine Durchschnittsnote. Er ist eine steuerungsfähige Gesamtbewertung, die schwere Schäden nicht durch gute Werte an anderer Stelle verdeckt. Die Reverse Merit Order sorgt dafür, dass kritische Felder nicht im Mittelwert verschwinden. Produktscorecards schaffen Vergleichbarkeit ohne Gleichmacherei. Sie unterscheiden Produktgruppen, Nutzungskontexte, Branchen, Lebenszyklusphasen und Datenlagen.
Damit bereitet Kapitel 50 das konkrete Beispiel vor. Bisher wurde die Produktscorecard methodisch erklärt. Im nächsten Kapitel wird diese Logik an einem einfachen Produkt sichtbar: dem Apfel. Ein regionaler Apfel und ein Importapfel zeigen im Kleinen, wie Produktwirkung, Daten, Indikatoren, Scorecard, Wirkungsklasse und Preiswirkung zusammenspielen.
Diese Frage führt zu [Kap. 51]: Das Apfelbeispiel.
Endnoten und Quellen zu Kapitel 50
Interne WÖk-Quellen
[I-K50-1] Weber, Natalie: Technische Leitlinien zum Wirkungssteuergesetz (WUStG) - Vollversion (Extended), August 2025. Grundlage für WÖk-IDs, Archetypen, sektorale Benchmarks, Scorecards, Datenquellen, Assurance und Governance als technische Grundlage messbarer, auditierbarer und automatisierbarer Wirkung. In diesem Kapitel nur als methodische Scorecard-Quelle genutzt, nicht als Steuermechanik.
[I-K50-2] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands2, Manuskriptfassung 2026, Abschnitt zu Scorecards und FinalScore. Grundlage für Aufbau der Scorecard, Produktidentifikation, NACE-Zuordnung, SDG-/SDG+-Felder, WÖk-IDs, Datenquellen, Benchmarks, Archetypen, Einzelscores, Datenqualität, Ausschlussindikatoren, Version, Prüfstatus, FinalScore und Reverse Merit Order.
[I-K50-3] Weber, Natalie: WÖk Master Items final v1.2, 2025. Grundlage für Indikatorfamilien zu Energie, Materialintensität, Abfallvermeidung, Produktlebenszyklus-CO2, Reparierbarkeit, Rücknahme, Chemikaliensicherheit, Wasserintensität, Arbeitsrechten, Lieferketten, Medienqualität, Cyber-Resilienz, KI-Risiko-Assessments und Open Standards.
[I-K50-4] Weber, Natalie: Produktbesteuerung durch Wirkung, 2025. Grundlage für die produktbezogene Verbindung von NACE, WÖk-IDs, Scorecards, digitalen Produktpässen und Reverse Merit Order. In diesem Kapitel nur als Produkt- und Bewertungslogik genutzt, nicht als Produktsteuerlogik.
[I-K50-5] Weber, Natalie: Beispiel-Konzern: Von der CSRD zur Produktscorecard am Beispiel BASF Polyamid. Grundlage für die Aussage, dass aggregierte CSRD-Daten auf Unternehmensebene nicht ausreichen und Wirkungsdaten auf Produktgruppen, Anlagen, EPDs, Benchmarks und Scorecards heruntergebrochen werden müssen.
[I-K50-6] Weber, Natalie: Wirkungsökonomie in der Lieferkette, September 2025. Grundlage für Scorecards, WÖk-IDs, FinalScore, Reverse Merit Order und den Grundsatz, dass negative Wirkungen in Lieferketten nicht durch positive Werte an anderer Stelle kompensiert werden dürfen.
Externe Quellen
[E-K50-1] International Organization for Standardization: ISO 14040: Environmental management - Life cycle assessment - Principles and framework, 2006; ISO 14044: Environmental management - Life cycle assessment - Requirements and guidelines, 2006. Bezugspunkt für Lebenszyklusdenken, Systemgrenzen, Datenqualität, funktionelle Einheit, Allokation, Interpretation und kritische Prüfung. ISO 14040 - Life Cycle Assessment: https://www.iso.org/standard/37456.html - ISO 14044 - Life Cycle Assessment: https://www.iso.org/standard/38498.html
[E-K50-2] OECD; Joint Research Centre of the European Commission: Handbook on Constructing Composite Indicators. Methodology and User Guide, OECD Publishing, Paris, 2008. Bezugspunkt für Normalisierung, Gewichtung, Aggregation, Transparenz, Sensitivitätsanalyse und Risiken zusammengesetzter Bewertungen. OECD/JRC - Handbook on Constructing Composite Indicators: https://www.oecd.org/en/publications/handbook-on-constructing-composite-indicators-methodology-and-user-guide_9789264043466-en.html - OECD: https://www.oecd.org/
[E-K50-3] European Financial Reporting Advisory Group: European Sustainability Reporting Standards (ESRS), Set 1, 2023. Bezugspunkt für strukturierte Nachhaltigkeitsinformationen zu Auswirkungen, Risiken, Chancen, Metriken und Zielen. ESRS - Delegierte Verordnung (EU) 2023/2772: https://eur-lex.europa.eu/eli/reg_del/2023/2772/oj/eng - EFRAG - ESRS: https://www.efrag.org/en/sustainability-reporting/esrs
[E-K50-5] Global Reporting Initiative: GRI Standards. Bezugspunkt für die Offenlegung von Auswirkungen auf Wirtschaft, Umwelt und Menschen und für anschlussfähige Nachhaltigkeitsdaten. GRI Standards: https://www.globalreporting.org/standards/
Zentrale Begriffe dieses Kapitels
FinalScore
Der FinalScore ist ein methodisch verdichtetes Ergebnis einer Wirkungsbewertung.
Digitaler Produktpass
Der Digitale Produktpass macht produktbezogene Daten entlang von Wertschöpfung und Nutzung maschinenlesbar verfügbar.