Teil Volkswirtschaft, Arbeit, Kapital und Wohlstand
Kapitel 54 - Wirkungs-BIP und neue Wohlstandsmessung
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Kapitel 54 - Wirkungs-BIP und neue Wohlstandsmessung
Kapitel 54 beginnt mit der Wohlstandsmessung. Das klassische Bruttoinlandsprodukt bleibt als ökonomische Statistik nützlich. Es zeigt, welche marktlichen und staatlich erfassten Leistungen in einem Zeitraum produziert wurden. Es zeigt aber nicht ausreichend, ob diese Aktivität Mensch, Planet und Demokratie stabiler, freier und zukunftsfähiger macht [I-K54-1; E-K54-1].

Eine Volkswirtschaft ist nicht reich, weil viel Aktivität gezählt wird. Sie ist reich, wenn diese Aktivität Mensch, Planet und Demokratie stabiler, freier und zukunftsfähiger macht.
Das Wirkungs-BIP ersetzt das BIP nicht durch eine neue Einheitszahl. Es ergänzt das BIP durch Richtung, Qualität und Zustand [I-K54-2]. Es fragt nicht nur, ob wirtschaftliche Aktivität stattfindet. Es fragt, welche Wirkung diese Aktivität erzeugt, welche Schäden sie vermeidet oder verursacht, welche Risiken sie aufbaut und welche Resilienz sie schafft.
54.1 Warum BIP nicht reicht
Das BIP misst wirtschaftliche Aktivität. Es zählt Produktion, Dienstleistungen, staatliche Leistungen und Investitionen innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Diese Messung hat ihren Wert. Ohne Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung wären Konjunktur, Produktion, Beschäftigung, Steuerbasis und wirtschaftliche Entwicklung schwer vergleichbar [E-K54-2]. Das Problem liegt nicht darin, dass das BIP existiert. Das Problem liegt darin, dass es als Wohlstandskompass überfordert wird.
BIP-Wachstum kann Wohlstand anzeigen, wenn zusätzliche Aktivität reale Lebensbedingungen verbessert. Es kann aber auch steigen, wenn Schäden repariert werden, wenn Krankheit behandelt wird, wenn Naturzerstörung Folgekosten erzeugt, wenn Krisenverwaltung wächst, wenn spekulative Aktivität zunimmt oder wenn destruktive Produkte hohe Umsätze erzeugen. In all diesen Fällen entsteht Aktivität. Aber Aktivität ist nicht automatisch Wirkleistung.
Die frühe Maßstabskritik dieses Buches hat beschrieben, warum Kapital, Umsatz, Gewinn, Beschäftigung, Reichweite und BIP Bewegung messen, aber nicht sicher Zukunftsfähigkeit [Kap. 2]. Die Analyse des Vorgriffswohlstands hat gezeigt, dass ein Teil heutigen Wohlstands auf Gegenwartsnutzen beruhen kann, der künftige Stabilität verbraucht [Kap. 5]. Die Neufassung des Leistungsbegriffs hat anschließend unterschieden, ob Aktivität reale positive Zustandsveränderung erzeugt oder nur Aufwand, Einkommen oder Bewegung sichtbar macht [Kap. 15].
Das BIP sieht diese Unterscheidung kaum. Es erfasst die Marktaktivität, nicht ihre Qualität. Eine Volkswirtschaft kann wachsen und zugleich Böden verlieren, Vertrauen beschädigen, Gesundheit belasten, Wohnungsunsicherheit erhöhen, Pflege überlasten, Biodiversität reduzieren oder demokratische Resonanzräume schwächen. Sie kann also in der Aktivitätsrechnung reicher werden und im Wirkungszustand ärmer.
Diese Kritik ist nicht neu. Simon Kuznets warnte bereits in der frühen Entwicklung nationaler Einkommensstatistiken davor, nationale Wohlfahrt unmittelbar aus dem Volkseinkommen abzuleiten [E-K54-1]. Die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission betonte später, dass Wohlstand, Lebensqualität und Nachhaltigkeit breiter gemessen werden müssen als über Produktion und Einkommen allein [E-K54-3]. Die Wirkungsökonomie nimmt diese Linie auf, führt sie aber in eine eigene Steuerungsarchitektur: Wirkung wird nicht nur ergänzend beobachtet, sondern soll in Preise, Haushalte, Kapital, Einkommen und Entscheidungen zurückgeführt werden [I-K54-3].
Das BIP bleibt wichtig. Aber es darf nicht allein stehen. Eine Gesellschaft braucht ein Aktivitätsmaß. Sie braucht zusätzlich ein Wirkungsmaß.
54.2 Scheinleistung, Blindleistung, Verlustleistung
Das Wirkungs-BIP beginnt mit einer Unterscheidung, die in der Neufassung des Leistungsbegriffs vorbereitet wurde: Scheinleistung, Blindleistung, Verlustleistung und Wirkleistung [I-K54-2]. Diese Begriffe übersetzen den neuen Leistungsbegriff auf die Volkswirtschaft.
Scheinleistung sieht nach Leistung aus, weist positive Wirkung aber nicht nach. Sie kann in hoher Aktivität, hohen Umsätzen oder sichtbarer Beschäftigung erscheinen, ohne dass relevante Zustände besser werden. Kurzlebige Produktwechsel, überflüssige Konsumanreize, spekulative Aktivität, Reichweitenökonomie ohne Vertrauensgewinn oder Programme ohne Zustandsverbesserung können solche Scheinleistung erzeugen. Das BIP zählt diese Aktivität, solange sie marktlich oder staatlich erfasst wird. Das Wirkungs-BIP fragt, ob daraus echte Wirkleistung entsteht.
Blindleistung belastet das System, ohne Netto-Fortschritt zu erzeugen. Sie entsteht, wenn Aufwand nötig wird, weil ein System falsch gesteuert ist: doppelte Datenabfragen, Reparaturbürokratie, Förderprogramme gegen falsche Preise, unnötige Transaktionskosten, Krisenverwaltung, Kompensationsprogramme oder Verwaltungsschleifen, die Symptome bearbeiten, während Ursachen bestehen bleiben [I-K54-2]. Blindleistung ist volkswirtschaftlich problematisch, weil sie Beschäftigung und Ausgaben erzeugt, aber die Systemqualität kaum verbessert.
Verlustleistung erzeugt negative Neben- und Folgewirkungen. Sie kann profitabel sein, Umsatz schaffen und BIP erhöhen, während sie Mensch, Planet oder Demokratie schwächt. Fossile Pfadabhängigkeit, gesundheitsbelastende Produkte, ausbeuterische Lieferketten, Ressourcenverbrauch, Vertrauenszerstörung, Bodendegradation oder demokratisch problematische Geschäftsmodelle können Verlustleistung erzeugen. In der alten Rechnung erscheinen sie als Aktivität. In der Wirkungsrechnung erscheinen sie als negative Zustandsveränderung.
Wirkleistung erzeugt positive Zustandsveränderung. Sie verbessert Gesundheit, Bildung, Teilhabe, Pflege, Sicherheit, Vertrauen, Regeneration, Resilienz, Kreislaufwirtschaft, demokratische Stabilität, Infrastruktur oder Zukunftsfähigkeit. Sie kann in Marktaktivität erscheinen, muss es aber nicht. Care, Prävention, Bildung, Nachbarschaft, Konfliktvermittlung, ökologische Regeneration und demokratische Stabilisierung leisten teilweise hohe Wirkung, obwohl sie im klassischen BIP schwach, indirekt oder gar nicht erscheinen [I-K54-4].
Das klassische BIP enthält alle vier Formen. Es unterscheidet sie jedoch nicht ausreichend. Genau darin liegt die methodische Lücke. Ein wachsendes BIP kann mehr Wirkleistung bedeuten. Es kann aber auch mehr Scheinleistung, Blindleistung oder Verlustleistung enthalten. Ohne Wirkungsrechnung bleibt unklar, welche Art von Aktivität gewachsen ist.
Das Wirkungs-BIP soll diese Unterscheidung sichtbar machen. Es fragt nicht nur: Wie groß ist die wirtschaftliche Aktivität? Es fragt: Welcher Teil dieser Aktivität erzeugt positive Netto-Wirkung, welcher Teil verschiebt Schäden, welcher Teil verwaltet Folgen und welcher Teil sieht nur nach Leistung aus?
54.3 Wirkungsgrad der Volkswirtschaft
Der Wirkungsgrad der Volkswirtschaft beschreibt das Verhältnis zwischen wirtschaftlicher Aktivität und tatsächlicher positiver Wirkung. Eine Volkswirtschaft mit hohem Wirkungsgrad erzeugt aus ihren Ressourcen, Arbeitsstunden, Kapitalströmen, Technologien, öffentlichen Mitteln und Infrastrukturen viele positive Zustandsveränderungen. Eine Volkswirtschaft mit niedrigem Wirkungsgrad ist sehr aktiv, erzeugt aber wenig positive Netto-Wirkung oder hohe Folgekosten.
Der Begriff ist nicht als einfache Formel gemeint, die alle Zustände in eine Zahl presst. Er ist ein Ordnungsbegriff. Er fragt, wie viel Wirkleistung eine Gesellschaft aus ihrer Aktivität gewinnt und wie viel Aktivität in Scheinleistung, Blindleistung oder Verlustleistung gebunden ist [I-K54-2].
Ein hoher Wirkungsgrad zeigt sich zum Beispiel daran, dass Prävention Krankheit vermeidet, statt nur Behandlungsausgaben zu erhöhen; dass Bildung Fähigkeiten, Selbstwirksamkeit und Demokratie stärkt, statt nur Abschlüsse zu produzieren; dass Infrastruktur Verwundbarkeit reduziert, statt später teuer repariert zu werden; dass Produkte länger halten, reparierbar, gesund und kreislauffähig sind; und dass Kapital Regeneration und Innovation finanziert, statt Schäden zu skalieren.
Ein niedriger Wirkungsgrad zeigt sich, wenn viel gearbeitet, gekauft, gebaut, berichtet, verwaltet und investiert wird, aber tragende Zustände schlechter werden: Gesundheit, Vertrauen, Wohnsicherheit, Klima, Wasser, Boden, Biodiversität, soziale Kohäsion, demokratische Stabilität, Infrastruktur und Resilienz. Dann ist die Volkswirtschaft nicht leistungsschwach im Aktivitätssinn. Sie ist wirkungsschwach.
Das Wirkungs-BIP kann in drei Ebenen gedacht werden. Die erste Ebene bleibt das klassische BIP als Aktivitätsmaß. Es zeigt, welche ökonomische Aktivität stattgefunden hat. Diese Ebene wird nicht abgeschafft. Die zweite Ebene ist eine Wirkungsbilanz. Sie ordnet Aktivität nach Wirkleistung, Scheinleistung, Blindleistung und Verlustleistung. Sie weist positive Wirkungen aus, etwa Prävention, Care, Bildung, Gesundheit, Regeneration, Kreislaufwirtschaft, Vertrauen, soziale Kohäsion, demokratische Stabilisierung und öffentliche Infrastruktur. Sie weist negative Wirkungen aus, etwa Biodiversitätsverlust, Wasserstress, Gesundheitsbelastungen, prekäre Arbeit, Wohnungsunsicherheit, Bildungsdefizite, Krisenkosten, Vertrauensverlust, demokratische Destabilisierung, Cyber- und Infrastrukturverwundbarkeit [I-K54-2]. Die dritte Ebene ist ein MPD-Dashboard. Es zeigt Zustandsindikatoren, die nicht sinnvoll in eine einzige Zahl gepresst werden dürfen: Mensch, Planet und Demokratie. Mensch umfasst Gesundheit, Bildung, Einkommen, Pflege, Wohnen, Sicherheit, Teilhabe, Gleichstellung und psychische Gesundheit. Planet umfasst Klima, Wasser, Boden, Biodiversität, Ressourcen, Luft, Flächen und Kreislauf. Demokratie umfasst Rechtsstaat, Medienqualität, Vertrauen, Teilhabe, Korruption, Diskursstabilität, digitale Öffentlichkeit und Resilienz [I-K54-2].
Diese drei Ebenen verhindern zwei Fehler. Sie verhindern, dass das klassische BIP abgeschafft wird. Und sie verhindern, dass Wohlstand auf Aktivität reduziert bleibt. Das Wirkungs-BIP ersetzt das BIP nicht durch eine neue Zahl. Es ergänzt das BIP durch Richtung, Qualität und Zustand.
54.4 Wirkungs-BIP als Aktivitätszerlegung
Das Wirkungs-BIP ist kein Ersatz durch eine einzelne neue Zahl. Es ist eine Sortierung wirtschaftlicher Aktivität nach Wirkungskategorien. Das verhindert, dass Reparatur, Schaden, Verwaltung und echte Zustandsverbesserung gleich aussehen [I-K54-2; I-K54-5].
Als Orientierungslogik kann die Aktivität einer Volkswirtschaft in vier Kategorien zerlegt werden:
BIP_Aktivität = A_wirk + A_schein + A_blind + A_verlust
A_wirk bezeichnet Aktivität mit positiver Zustandsveränderung. A_schein bezeichnet Aktivität ohne belastbaren Wirkungsnachweis. A_blind bezeichnet Aufwand ohne Zustandsverbesserung. A_verlust bezeichnet Aktivität mit negativer Neben- oder Folgewirkung.
Daraus lässt sich ein volkswirtschaftlicher Wirkungsgrad als Orientierungsgröße ableiten:
η_VWL = A_wirk / (A_wirk + A_schein + A_blind + A_verlust)
Diese Formel ist keine Reduktion der Volkswirtschaft auf eine einzige Zahl. Sie zeigt den Anteil der Wirkleistung an der gemessenen Aktivität und macht sichtbar, wie viel ökonomische Bewegung tatsächlich positive Zustandsveränderung erzeugt.
Tabelle 54-1: Wirkungs-BIP als Aktivitätszerlegung
| Kategorie im Wirkungs-BIP | Beschreibung | Beispiel | Politische Lesart |
| A_wirk | Aktivität mit positiver Zustandsveränderung | Prävention, Bildung, Pflegequalität, Klimaanpassung, regenerative Infrastruktur | Ausbauen und absichern |
| A_schein | Aktivität ohne belastbaren Wirkungsnachweis | Programme, Projekte oder Marktaktivität ohne erkennbare Zustandsverbesserung | Prüfen, kontextualisieren, nicht als Fortschritt ausweisen |
| A_blind | Aufwand ohne ausreichende Zustandsverbesserung | Reparaturbürokratie, Doppelabfragen, Compliance ohne Rückkopplung | Standardisieren, reduzieren, in Steuerung überführen |
| A_verlust | Aktivität mit negativer Neben- oder Folgewirkung | Krankheit, Umweltschaden, Vertrauensverlust, Ressourcenverbrauch, Krisenkosten | Vermeiden, bepreisen, haftbar machen oder systemisch begrenzen |
Die Tabelle zeigt, warum ein Wirkungs-BIP kein einfacher Ersatzindikator sein darf. Eine Gesellschaft kann nicht jede Aktivität in derselben Logik behandeln. Prävention und Reparatur, Bildung und Scheinprogramme, Infrastrukturaufbau und Krisenverwaltung, regenerative Wertschöpfung und zerstörerischer Ressourcenverbrauch dürfen nicht gleich als Fortschritt erscheinen, nur weil sie Aktivität erzeugen.
54.5 Wohlstand als Systemzustand

Wohlstand ist kein bloßer Geldbestand. Er ist auch kein reines Konsumvolumen und kein Anstieg von Vermögenspreisen. Wirkungswohlstand ist ein Systemzustand. Er beschreibt die Qualität der Lebensbedingungen, die durch wirtschaftliches, staatliches und gesellschaftliches Handeln entstehen [I-K54-5].
Eine Gesellschaft ist wohlhabend, wenn Menschen gesund, sicher, gebildet, handlungsfähig und eingebunden leben können. Sie ist wohlhabend, wenn planetare Lebensgrundlagen regenerationsfähig bleiben. Sie ist wohlhabend, wenn Demokratie wahrheitsfähig, rechtsstaatlich, streitfähig und korrigierbar bleibt. Sie ist wohlhabend, wenn Infrastruktur funktioniert, Vertrauen stabil ist, soziale Teilhabe gelingt und künftige Generationen nicht durch heutige Vorgriffe belastet werden.
Wohlstand als Systemzustand verbindet Teil IX mit dem normativen Kern des Buches. Mensch, Planet und Demokratie sind nicht moralische Zusatzfelder neben der Wirtschaft. Sie sind die Mindestbedingungen einer freien und zukunftsfähigen Ordnung. Wenn eine Volkswirtschaft diese Bedingungen schwächt, kann sie nicht als reich gelten, selbst wenn ihr BIP wächst.
Das Wirkungs-BIP macht diese Differenz sichtbar. Es fragt nicht nur, ob mehr produziert wurde. Es fragt, ob die Produktion echte Wirkleistung erzeugt. Es fragt nicht nur, ob mehr Einkommen entstanden ist. Es fragt, ob dieses Einkommen aus positiver Wirkung stammt oder negative Wirkung finanziert. Es fragt nicht nur, ob mehr Beschäftigung vorhanden ist. Es fragt, ob Arbeit Gesundheit, Sinn, Stabilität und Systemleistung ermöglicht oder Menschen erschöpft. Es fragt nicht nur, ob der Staat mehr ausgibt. Es fragt, ob öffentliche Mittel Zustände verbessern oder Blindleistung finanzieren [Kap. 39].
Wohlstand als Systemzustand ist damit auch eine Schutzkategorie gegen Vorgriffswohlstand [Kap. 5]. Wenn heutige Aktivität künftige Stabilität verbraucht, steigt vielleicht das BIP. Der Wirkungswohlstand sinkt. Wenn heutige Prävention künftige Schäden vermeidet, steigt das BIP vielleicht nicht sofort. Der Wirkungswohlstand wächst.
Das ist eine andere Sprache der Ökonomie. Sie macht nicht alles zu einer Zahl. Sie macht sichtbar, welche Zahl was nicht sieht. Sie ordnet Aktivität, Wirkung, Risiko und Resilienz so, dass eine Volkswirtschaft ihre Richtung prüfen kann.
54.6 Zwischenfazit
Das klassische BIP bleibt ein wichtiges Aktivitätsmaß. Es zeigt, was produziert, verkauft, investiert und staatlich geleistet wurde. Aber es reicht nicht als Wohlstandskompass. Es unterscheidet nicht ausreichend zwischen Produktion, Geldfluss und Zustandsverbesserung. Es zählt Scheinleistung, Blindleistung, Verlustleistung und Wirkleistung in derselben Aktivitätslogik.
Das Wirkungs-BIP ergänzt diese Logik. Es fragt nach dem Wirkungsgrad der Volkswirtschaft: Wie viel positive Netto-Wirkung entsteht aus der vorhandenen Aktivität? Welche Aktivität erzeugt reale Wirkleistung? Welche Aktivität verwaltet Schäden? Welche Aktivität verschiebt Lasten? Welche Aktivität sieht nur nach Leistung aus?
Damit verbindet Kapitel 54 die frühe Maßstabskritik, die Kritik am Vorgriffswohlstand, den neuen Leistungsbegriff und die Rückkopplungslogik der Wirkungsökonomie. Aus der Maßstabskrise folgt die Notwendigkeit neuer Wohlstandsmessung. Aus dem Vorgriffswohlstand folgt die Zeit- und Folgekostenlogik. Aus der Neudefinition von Leistung folgt die Unterscheidung von Wirkleistung und Verlustleistung. Aus Rückkopplung, Wirkungsrisiko und Resilienz folgt, dass volkswirtschaftliche Aktivität in Zustandsveränderung übersetzt werden muss.
Eine Volkswirtschaft ist nicht reich, weil viel Aktivität gezählt wird. Sie ist reich, wenn diese Aktivität Mensch, Planet und Demokratie stabiler, freier und zukunftsfähiger macht.
Die nächste Frage lautet: Wenn Wohlstand nicht bloße Aktivität ist, was bedeutet dann Wachstum? Wann ist Wachstum Entwicklung, und wann ist es Zerstörung mit positiver Zahl?
Diese Frage führt zu [Kap. 55]: Wachstum, Innovation und Transformation innerhalb planetarer Grenzen.
Endnoten und Quellen zu Kapitel 54
Interne WÖk-Quellen
[I-K54-1] Weber, Natalie: Grundlagenpapier Wirkungsökonomie, 2025. Grundlage für den Paradigmenwechsel von Profit, Wachstum, Macht und kurzfristiger Effizienz hin zur messbaren Wirkung sowie für die Kritik, dass klassische Steuerungsmodelle tatsächliche gesellschaftliche, ökologische und ethische Auswirkungen nicht ausreichend messen oder steuern.
[I-K54-2] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands2, Manuskriptfassung 2026, Abschnitt zum Wirkungs-BIP. Grundlage für das Drei-Ebenen-Modell aus klassischem BIP, Wirkungsbilanz und MPD-Dashboard sowie für die Unterscheidung von Scheinleistung, Blindleistung, Verlustleistung und Wirkleistung in der Volkswirtschaft.
[I-K54-3] Weber, Natalie: Whitepaper T-SROI, 2025. Grundlage für die Abgrenzung von finanzieller Rendite, operativer Netto-Wirkung und transformativer Systemwirkung sowie für die Aussage, dass systemische Breitenwirkung gesondert sichtbar gemacht werden muss.
[I-K55-4] Weber, Natalie: Whitepaper T-SROI, 2025. Grundlage für Kreislaufwirtschaft als Transformationsfeld, Multiplikatoreffekte, Lieferkettentransfer, Branchendurchdringung, systemische Breitenwirkung und die Abgrenzung von Netto-Wirkung und Transformationsleistung.
[I-K54-5] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands2, Manuskriptfassung 2026, Endnoten und Glossarabschnitt zu Wirkungswohlstand und Wirkungs-BIP. Grundlage für die Definition von Wirkungswohlstand als Zustand gesellschaftlichen Wohlstands, der nicht an Geldmenge, Konsumvolumen, BIP-Wachstum oder Vermögenspreisen gemessen wird, sondern an der Qualität der Lebensbedingungen.
Externe Quellen
[E-K54-1] Kuznets, Simon: National Income, 1929-1932, 73rd US Congress, 2nd Session, Senate Document No. 124, 1934. Bezugspunkt für die frühe nationale Einkommensrechnung und die Warnung, Wohlfahrt nicht unmittelbar aus nationalem Einkommen abzuleiten.
[E-K54-2] United Nations et al.: System of National Accounts 2008; United Nations et al.: System of National Accounts 2025 in Fortschreibung. Bezugspunkt für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung als Aktivitäts-, Produktions- und Einkommensrechnung.
[E-K54-3] Stiglitz, Joseph E.; Sen, Amartya; Fitoussi, Jean-Paul: Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, 2009. Bezugspunkt für die Kritik an BIP-Fixierung und für breitere Messung von Lebensqualität, Verteilung und Nachhaltigkeit. Stiglitz-Sen-Fitoussi Report: https://ec.europa.eu/eurostat/documents/118025/118123/Fitoussi+Commission+report
[E-K54-4] OECD: How’s Life? Measuring Well-being, fortlaufende Berichtsreihe. Bezugspunkt für mehrdimensionale Wohlstandsmessung jenseits reiner Wirtschaftsleistung. OECD - Measuring Well-being and Progress: https://www.oecd.org/en/topics/measuring-well-being-and-progress.html - OECD: https://www.oecd.org/
[E-K54-5] United Nations et al.: System of Environmental-Economic Accounting - Central Framework, 2012; SEEA Ecosystem Accounting, 2021. Bezugspunkt für die Verbindung von Umweltzuständen, Naturkapital, Ökosystemleistungen und ökonomischer Statistik.
[E-K54-6] World Bank: The Changing Wealth of Nations, fortlaufende Berichtsreihe. Bezugspunkt für Vermögen, Naturkapital, Humankapital und Nachhaltigkeit über klassisches Einkommen hinaus. World Bank - The Changing Wealth of Nations: https://www.worldbank.org/en/publication/changing-wealth-of-nations - World Bank: https://www.worldbank.org/
Zentrale Begriffe dieses Kapitels
Wirkung
Wirkung ist die tatsächliche Veränderung von Zuständen.
Mensch, Planet und Demokratie
Mensch, Planet und Demokratie bilden den normativen Wirkungsrahmen der Wirkungsökonomie.