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Teil Gesellschaftliche Grundsysteme

Kapitel 72 - Kultur und Teilhabe

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Terminologiebasis-Stand
2026-05-21
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Kapitel 72 - Kultur und Teilhabe

Kapitel 71 hat Kindheit als frühen Wirkungsraum beschrieben. Kinder wachsen nicht nur in Familien, Wohnungen, Schulen und Nachbarschaften auf. Sie wachsen auch in Sprache, Geschichten, Liedern, Bildern, Ritualen, Humor, Erinnerungen, Festen, Bibliotheken, Musik, Museen, digitalen Räumen, Alltagskultur und gemeinsamer Deutung auf. Dieser Zusammenhang führt zu Kultur.

Kultur ist kein Luxus nach getaner Arbeit. Sie ist kein Restbudget, keine Dekoration und kein weiches Nebenthema. Kultur ist gesellschaftliche Wirkungsinfrastruktur. Sie zeigt, wer wir sind, was wir erinnern, was wir verdrängen, wen wir schützen, was wir fürchten, wie wir streiten, worüber wir lachen, welche Sprache wir teilen und welche Zukunft wir uns vorstellen können [I-K72-1; I-K72-2].

Kultur ist wirkungsökonomisch der Raum, in dem Menschen Ausdruck, Erinnerung, Zugehörigkeit, Sinn und demokratische Resonanz erfahren können.

72.1 Kultur als gesellschaftliche Infrastruktur

Kultur wird im Alltag schnell mit Veranstaltungen verwechselt: Theater, Konzert, Ausstellung, Festival, Kino, Museum, Lesung, Chor, Verein, Bibliothek, Stadtteilfest. All das gehört dazu. Aber Kultur reicht tiefer. Sie ist die gemeinsame symbolische Ordnung einer Gesellschaft. Sie zeigt sich in Sprache, Bildern, Architektur, Kleidung, Essen, Ritualen, religiösen Formen, Protest, Popkultur, Jugendkultur, digitaler Kreativität, Subkulturen, Erinnerung und Alltagspraktiken [I-K72-3].

Das Systemmodell der Wirkungsökonomie beschreibt Kultur als Resonanzraum der Gesellschaft und formuliert: Kultur ist keine Freizeit, sondern das Resonanzsystem einer Demokratie [I-K72-1]. Dieser Satz ist für diesen Teil zentral. Kultur ist nicht das, was übrig bleibt, wenn Wasser, Energie, Wohnen, Gesundheit, Pflege und Sicherheit bezahlt sind. Kultur ist einer der Räume, in denen Menschen verstehen, warum Wasser, Energie, Wohnen, Gesundheit, Pflege, Sicherheit und Demokratie zählen.

Straßen verbinden Orte. Kultur verbindet Deutungen. Stromnetze ermöglichen Versorgung. Kultur ermöglicht gemeinsame Orientierung. Gesundheitssysteme schützen Körper. Kultur schützt Sinn, Erinnerung und Zugehörigkeit. Das macht Kultur nicht wichtiger als materielle Grundsysteme. Es macht sie zu einem Grundsystem eigener Art.

Eine Gesellschaft ohne Kultur verliert nicht sofort ihre technische Funktion. Sie kann noch arbeiten, zahlen, bauen, kontrollieren und verwalten. Aber sie verliert Resonanz. Menschen können nebeneinander funktionieren, ohne sich als gemeinsames Wir zu erleben. Aus dieser Leerstelle entstehen Entfremdung, Einsamkeit, Zynismus, Statuskämpfe und autoritäre Vereinfachungen [I-K72-1; I-K72-4].

Kultur ist daher Infrastruktur gegen Vereinzelung. Bibliotheken sind nicht nur Ausleihorte. Sie sind öffentliche Räume für Wissen, Ruhe, Begegnung und Teilhabe. Theater sind nicht nur Bühnen. Sie sind Räume gemeinsamer Perspektivwechsel. Museen sind nicht nur Sammlungen. Sie sind Orte, an denen Gesellschaft lernt, Herkunft, Gewalt, Schönheit, Fehler und Möglichkeit zu betrachten. Musikräume, Jugendzentren, Vereine, freie Bühnen, Ateliers, Chöre, Festivals, Gedenkstätten und Stadtteilkultur sind nicht nur Angebote. Sie sind soziale Resonanzräume.

Die UNESCO Culture 2030 Indicators behandeln Kultur ausdrücklich im Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung, kultureller Infrastruktur, offenen Räumen, kultureller Teilhabe, Bildung und Resilienz [E-K72-1]. Auch das zeigt: Kultur ist kein Sonderfeld neben Entwicklung. Sie ist Teil der Bedingungen, unter denen Entwicklung menschlich, demokratisch und lebendig bleiben kann.

72.2 Resonanz praktisch

Wie in den anthropologischen Teilen beschrieben wurde, sind Sinn, Selbstwirksamkeit und Beziehung Stabilitätsfaktoren einer wirkungsfähigen Gesellschaft. Kultur macht diese Dimension praktisch. Sie schafft Räume, in denen Menschen sich ausdrücken, hören, sehen, irritieren, erinnern, widersprechen und verbinden können. Resonanz bedeutet in der Wirkungsökonomie nicht Harmonie. Resonanz bedeutet: Menschen erfahren, dass etwas sie erreicht und dass ihre Antwort Bedeutung hat [I-K72-5].

Kulturelle Resonanz kann leise sein: ein Buch, das ein Leben sortiert; ein Lied, das Trauer hält; ein Bild, das Unsagbares sichtbar macht; ein Museum, das Vergangenheit nicht glättet; ein Theaterabend, der einen Konflikt anders sehen lässt; ein Chor, der Menschen verbindet; eine Bibliothek, in der ein Kind zum ersten Mal einen eigenen Raum des Denkens findet.

Sie kann auch öffentlich sein: ein Stadtteilfest, ein Denkmalstreit, ein Jugendzentrum, eine Pride-Veranstaltung, ein Festival, eine Gedenkveranstaltung, eine Ausstellung über Kolonialismus, ein Konzert gegen Rassismus, ein Archivprojekt, ein lokaler Geschichtsort, ein Graffiti, eine Performance im öffentlichen Raum. Solche Formen schaffen nicht automatisch positive Wirkung. Aber sie öffnen Resonanzräume, in denen Gesellschaft sich selbst begegnet.

Kultur schützt gegen Entfremdung, weil sie Menschen nicht nur als Arbeitskräfte, Konsument:innen oder Wähler:innen anspricht. Sie spricht sie als fühlende, erinnernde, deutende, verletzliche und gestaltende Wesen an. Sie schützt gegen Einsamkeit, weil sie Räume gemeinsamer Erfahrung eröffnet. Sie schützt gegen Sinnverlust, weil sie Erfahrungen in Formen bringt. Sie schützt gegen autoritäre Vereinfachung, weil sie Ambivalenz aushält. Kunst darf widersprechen, irritieren, schmerzen, lachen, trösten, verstören und öffnen. Darin liegt ihr demokratischer Wert [I-K72-3].

Ästhetik gehört in diese Logik, aber nicht als objektiver Maßstab. Die Wirkungsökonomie normiert nicht, was schön ist. Schönheit ist subjektiv, kulturell geprägt, vergänglich und streitbar. Sie darf nicht zur Bewertungsnorm staatlicher Steuerung werden. Wirkungsökonomisch relevant ist die Möglichkeit ästhetischer Erfahrung: Stimmigkeit, Lebendigkeit, Ausdruck, Spiel, Freude, Ruhe, Staunen, Gestaltung, Atmosphäre, Würde des Raums und sinnliche Qualität des Alltags.

Eine Stadt ohne Spiel, Grün, Musik, Kunst, Farbe, Erinnerung, Humor, Ruhe und öffentliche Räume kann funktionieren, aber sie wird ärmer an Lebensqualität. Eine Schule ohne Kunst und Musik kann Stoff vermitteln, aber sie verliert Ausdruck. Eine Pflegeeinrichtung ohne Kultur kann versorgen, aber sie verliert Würde. Ein digitaler Raum ohne kulturelle Eigenlogik wird zur Aufmerksamkeitsmaschine. Kultur verwandelt Räume, in denen Menschen nur verwaltet werden, in Räume, in denen sie leben können.

Der WHO-Scoping-Review zu Kunst und Gesundheit wertete mehr als 3000 Studien aus und fand eine relevante Rolle der Künste bei Prävention, Gesundheitsförderung sowie Umgang mit Krankheit über die Lebensspanne [E-K72-3]. Für die Wirkungsökonomie bedeutet das nicht, Kultur medizinisch zu instrumentalisieren. Es zeigt: Kultur wirkt auch auf Körper, Psyche, Einsamkeit, Stress, Zugehörigkeit und Heilung. Sie ist Teil der Gesundheits-, Pflege- und Resilienzinfrastruktur [I-K72-6].

72.3 Zugang, Vielfalt, Räume

Kultur kann nur gesellschaftliche Wirkungsinfrastruktur sein, wenn Menschen Zugang haben. Kultur, die nur für bestimmte Einkommen, Bildungsgruppen, Stadtteile, Sprachen, Körper, Altersgruppen oder Milieus erreichbar ist, wird zum Distinktionsraum. Sie erzeugt dann nicht Teilhabe, sondern Ausschluss.

Kulturelle Teilhabe bedeutet Zugang zu Ausdruck, Identität, Sinn und gemeinsamer Resonanz [I-K72-7]. Teilgabe geht weiter: Menschen wollen nicht nur Publikum sein. Sie wollen selbst erzählen, musizieren, tanzen, gestalten, erinnern, schreiben, filmen, bauen, kochen, feiern, trauern, protestieren, archivieren, kuratieren und Räume prägen. Kultur ist dann nicht nur Konsum. Sie wird Praxis.

Das Systemmodell enthält dafür einen kulturellen Teilhabeindex. Er misst Zugang, Vielfalt und Nutzbarkeit kultureller Räume: Preis, Barrierefreiheit, Nähe, kulturelle Räume wie Theater, Kulturzentren, Jugendzentren, queere Räume, Kunst, Teilhabe von Kindern und Jugendlichen, Beteiligung marginalisierter Gruppen, Diversität in Institutionen, digitale Teilhabe und Kultur in Schulen und Kitas [I-K72-8]. Die konkrete Messarchitektur wird hier nicht ausgearbeitet. Der Punkt ist: Kulturelle Teilhabe ist messbar genug, um nicht als bloßes Gefühl behandelt zu werden.

Zugang beginnt materiell. Eintrittspreise, Fahrtwege, Öffnungszeiten, Barrierefreiheit, Sprache, Kinderbetreuung, digitale Zugänge, körperliche Sicherheit und soziale Schwellen entscheiden, wer Kultur nutzen kann. Eine Bibliothek im Viertel wirkt anders als ein Kulturangebot, das nur mit Auto, Geld, Zeit und Vorwissen erreichbar ist. Ein Jugendzentrum wirkt anders als eine Hochkulturinstitution, die Jugendlichen signalisiert, sie seien nicht gemeint. Ein Museum wirkt anders, wenn migrantische, queere, jüdische, muslimische, ostdeutsche, behinderte, arme oder subkulturelle Erfahrungen nur Randnotizen bleiben.

Vielfalt ist keine Dekoration. Vielfalt ist Systemintelligenz. Eine Gesellschaft, die nur eine Erzählung kennt, wird brüchig. Sie hat weniger Bilder für Unterschiedlichkeit, weniger Sprache für Ambivalenz, weniger Schutz vor Feindbildern, weniger Möglichkeiten, Konflikte zu verarbeiten. Die UNESCO-Erklärung zur kulturellen Vielfalt beschreibt kulturelle Vielfalt als Quelle von Austausch, Innovation und Kreativität und als gemeinsames Erbe der Menschheit [E-K72-4]. Die Wirkungsökonomie schließt daran an, ergänzt aber die Rückkopplung: Vielfalt stärkt Resilienz, wenn sie nicht nur sichtbar ist, sondern sicher, gleichwertig und teilgabefähig wird.

Räume sind dafür entscheidend. Öffentliche Räume, Bibliotheken, Theater, Musikschulen, Museen, Jugendzentren, Vereine, Kulturhäuser, Gedenkstätten, Stadtteilzentren, freie Bühnen, digitale Archive, offene Werkstätten, Sport- und Bewegungsräume, Chöre und lokale Kulturorte bilden kulturelle Grundversorgung. Sie sind nicht alle gleich. Aber sie verbinden Menschen mit Erinnerung, Ausdruck und Gemeinschaft [I-K72-9].

Kulturelle Räume brauchen Schutz vor zwei Formen der Zerstörung. Die erste ist Kommerzialisierung: Räume werden verdrängt, weil sie weniger Rendite erzeugen als Wohn- oder Gewerbeverwertung. Die zweite ist politische Vereinnahmung: Kultur wird nur dann unterstützt, wenn sie zur gewünschten Identität passt. Die Wirkungsökonomie muss beides vermeiden. Kultur braucht öffentliche Stabilität und künstlerische Freiheit. Sie darf nicht nur Marktware sein. Sie darf aber auch nicht zur Staatsästhetik werden.

Der Europarats-Faro-Konvention liegt die Idee zugrunde, kulturelles Erbe in seinem Verhältnis zu Menschenrechten, Demokratie, Gemeinschaften und gesellschaftlicher Bedeutung zu verstehen, nicht nur als Objekt oder Ort [E-K72-2]. Genau diese Perspektive passt zur Wirkungsökonomie: Kultur ist wertvoll, weil Menschen Bedeutung, Erinnerung, Verantwortung und gemeinsame Zukunft mit ihr verbinden.

72.4 Erinnerung und demokratische Stabilität

Erinnerung ist keine Rückwärtswendung. Erinnerung ist demokratische Prävention. Eine Gesellschaft, die nicht erinnern kann, wird anfällig für Geschichtsrevisionismus, autoritäre Mythen, Opferkonkurrenz, Entlastungserzählungen und nationale Selbstverklärung. Erinnerung hält offen, was geschehen ist, wer gelitten hat, wer ausgeschlossen wurde, wer Verantwortung hatte und welche Formen von Gewalt wiederkehren können.

Das Systemmodell beschreibt Erinnerungssicherung als demokratische Stabilitätsinfrastruktur. Es nennt Gedenkstätten, Archive, Museen, Dokumentationszentren, Programme gegen Antisemitismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit, Erinnerung an Kolonialismus und deutsche Verantwortung sowie zeitgemäße Vermittlung [I-K72-10]. Diese Institutionen sind keine Randorte. Sie schützen die Fähigkeit einer Gesellschaft, Wahrheit, Schuld, Verantwortung und Zukunft zusammenzuhalten.

Erinnerung ist auch Streit. Sie ist nicht fertig. Gesellschaften lernen, welche Geschichten sie übersehen haben: koloniale Gewalt, Antisemitismus, Rassismus, Behindertenfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit, Klassismus, patriarchale Gewalt, migrantische Geschichte, ostdeutsche Erfahrungen, Arbeitskämpfe, Widerstand, Flucht, Vertreibung, Krieg, Diktatur, Demokratiegründung. Erinnerung muss pluraler werden, ohne Fakten zu verwischen.

Demokratische Stabilität entsteht nicht durch eine einheitliche Erzählung, die alle Unterschiede glättet. Sie entsteht durch eine gemeinsame Verpflichtung auf Wahrheit, Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Pluralität und Korrektur. Kultur macht diese Verpflichtung erfahrbar. Sie zeigt nicht nur, dass Demokratie eine Institutionenordnung ist, sondern dass sie als gemeinsamer Raum gelebt werden muss.

Kultur schützt deshalb auch gegen autoritäre Vereinfachung. Autoritäre Politik sucht einfache Bilder: reines Volk, korrupte Elite, innere Feinde, äußere Bedrohung, verlorene Größe, klare Ordnung. Kultur kann diese Bilder stören. Sie zeigt Mehrdeutigkeit. Sie zeigt Menschen hinter Gruppen. Sie zeigt Schmerz hinter Statistik. Sie zeigt Geschichte hinter Parole. Sie zeigt Zukunft jenseits Angst.

Diese Wirkung darf nicht mit einem Kulturkampf verwechselt werden. Eine Wirkungsökonomie macht Kultur nicht zur Waffe gegen eine politische Gruppe. Sie schützt kulturelle Räume, weil Demokratie ohne Resonanz, Erinnerung, Ambivalenz und Ausdruck verarmt. Sie schützt Minderheiten, weil Demokratie ohne Minderheitenschutz zur Mehrheitsmacht verkommt. Sie schützt Kunstfreiheit, weil Kritik und Irritation Teil demokratischer Korrektur sind.

Die Verbindung zu Medien und Öffentlichkeit wird später in den Teilen zu öffentlicher Kommunikation, Plattformlogik und digitaler Infrastruktur ausgeführt. Dort wird gezeigt, wie öffentliche Resonanzräume durch Plattformlogik, Desinformation, Tonalität, Journalismus und algorithmische Verstärkung verändert werden. Dieses Kapitel bleibt bei Kultur als Grundsystem. Es zeigt: Kultur ist der Raum, in dem Gesellschaft Bedeutung bildet, Erinnerung hält und Teilhabe erfahrbar macht. Ohne Kultur kann Demokratie rechtlich bestehen und sozial hohl werden.

72.5 Zwischenfazit

Kultur ist gesellschaftliche Wirkungsinfrastruktur. Sie ist nicht Freizeit, Luxus oder Dekoration, sondern Resonanz-, Sinn- und Kohäsionsraum einer Demokratie. Sie schafft Ausdruck, Erinnerung, Zugehörigkeit, Streitfähigkeit, Lebensqualität, Spiel, Freude, Ästhetik und Lebendigkeit, ohne Schönheit als objektiven Maßstab zu normieren.

Dieses Kapitel verbindet Sinn, Beziehung und Selbstwirksamkeit mit Demokratie, Teilhabe und Teilgabe. Kultur wird so zum Raum, in dem Menschen nicht nur dabei sind, sondern beitragen, erzählen, erinnern, gestalten und widersprechen können.

Kultur schützt gegen Entfremdung, Einsamkeit, Sinnverlust und autoritäre Vereinfachung. Sie braucht Zugang, Vielfalt und Räume: Bibliotheken, Theater, Musik, Vereine, Museen, Jugendkultur, Stadtteilkultur, Gedenkstätten, Archive, digitale Kultur und lokale Orte der Begegnung. Erinnerung ist nicht rückwärtsgewandt. Sie stabilisiert demokratische Identität, weil sie eine Gesellschaft fähig macht, Verantwortung zu tragen und Zukunft nicht auf Verdrängung zu bauen.

Die nächste Frage lautet: Wie wird Zugehörigkeit gestaltet, wenn Gesellschaften vielfältiger, mobiler, älter und globaler werden? Wie kann Migration als Wirkungsfeld gelesen werden, ohne sie zu romantisieren oder als Bedrohung zu erzählen?

Diese Frage führt zu Kapitel 73: Migration und gesellschaftliche Zugehörigkeit.

Endnoten und Quellen zu Kapitel 72

Interne WÖk-Quellen

[I-K72-1] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie, 2025, Abschnitt „Kultur, Identität & Resonanz“. Grundlage für Kultur als Resonanzsystem einer Demokratie, für Verbindung, Identität, Sinn, Orientierung, Vertrauen, Kohäsion, Demokratiepraxis sowie Prävention gegen Radikalisierung, Einsamkeit und Entfremdung.

[I-K72-2] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Kapitel „Kultur und Sinn“. Grundlage für Kultur als Resonanz-, Sinn- und Kohäsionsinfrastruktur einer Demokratie sowie für Kultur als Raum, in dem Gesellschaft spürt, wer sie ist, was sie erinnert und wer sie gemeinsam werden kann.

[I-K72-3] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Begriffsklärung Kultur, Kunst und Sinn. Grundlage für Kultur als Gesamtheit von Ausdrucks-, Deutungs-, Erinnerungs-, Sinn- und Resonanzformen, einschließlich Kunst, Sprache, Musik, Literatur, Theater, Film, Tanz, Architektur, Design, Feste, Rituale, Geschichte, Bibliotheken, Museen, Medienkultur, Popkultur, digitaler Kultur und Alltagskultur.

[I-K72-4] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie, 2025, Abschnitt zu kultureller Prävention und Resonanz. Grundlage für Kultur als Schutzraum gegen Einsamkeit, Entfremdung, Radikalisierung und kulturelle Auszehrung sowie für Kultur als Schutzgut wie Wasser, Gesundheit oder Energie.

[I-K72-5] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie, 2025, Abschnitt „Normen der öffentlichen Resonanz“. Grundlage für Resonanz als demokratischen Wert, als Erfahrung von Gehörtwerden, Gesehenwerden und Verbundensein sowie als Gegenpol zu Hass, Algorithmuslogik und Polarisierung.

[I-K72-6] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie, 2025, Abschnitt „Kulturelle Gesundheits- & Resilienzsicherung“. Grundlage für Kultur als präventive Gesundheits- und Resilienzstruktur, für Programme gegen Einsamkeit, kreative Prävention, Teilhabe für Pflegebedürftige und Ältere sowie Kultur als mentale Gesundheitsinfrastruktur.

[I-K72-7] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, interne Quellenpassage zu kultureller Teilhabe. Grundlage für kulturelle Teilhabe als Zugang zu Ausdruck, Identität, Sinn und gemeinsamer Resonanz sowie für Teilgabe als Wunsch, nicht nur dabei zu sein, sondern beizutragen.

[I-K72-8] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie, 2025, Abschnitte „kultureller Resonanzindex“, „kultureller Teilhabeindex“ und „Identitätspluralitätsindex“. Grundlage für die Messung von Resonanzfähigkeit, Zugang, Vielfalt, Nutzbarkeit kultureller Räume, kultureller Präsenz von Minderheiten, psychischer Sicherheit und Gleichwertigkeit pluraler Identitäten.

[I-K72-9] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie, 2025, Abschnitte zu kultureller Grundversorgung, Zivilgesellschaft und kulturellen Räumen. Grundlage für Bibliotheken, Theater, Musikräume, Kunstschulen, Jugendkulturzentren, Nachbarschaftszentren, Kulturzentren, Kreativräume, Ehrenamtsnetzwerke und Community Hubs als demokratische Infrastruktur.

[I-K72-10] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie, 2025, Abschnitte zu Erinnerungssicherung, Gedenkstätten, Archiven, Museen, Dokumentationszentren, Programmen gegen Antisemitismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Kolonialismusaufarbeitung und demokratischer Identität. Grundlage für Erinnerung als präventive demokratische Stabilitätsinfrastruktur.

Externe Quellen

[E-K72-1] UNESCO: Culture | 2030 Indicators, 2019. Bezugspunkt für Kultur als Bestandteil nachhaltiger Entwicklung, kulturelle Infrastruktur, offene Räume, kulturelle Teilhabe, Bildung und Resilienz. UNESCO: https://www.unesco.org/

[E-K72-2] Council of Europe: Framework Convention on the Value of Cultural Heritage for Society (Faro Convention), 2005. Bezugspunkt für kulturelles Erbe im Zusammenhang mit Menschenrechten, Demokratie, Gemeinschaften und gesellschaftlicher Bedeutung kultureller Orte und Praktiken. Council of Europe: https://www.coe.int/

[E-K72-3] Fancourt, Daisy; Finn, Saoirse: What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review, WHO Regional Office for Europe, 2019. Bezugspunkt für die Rolle von Kunst und Kultur bei Prävention, Gesundheitsförderung, Wohlbefinden und Umgang mit Krankheit über die Lebensspanne. World Health Organization: https://www.who.int/

[E-K72-4] UNESCO: Universal Declaration on Cultural Diversity, 2001. Bezugspunkt für kulturelle Vielfalt als Quelle von Austausch, Innovation und Kreativität sowie als gemeinsames Erbe der Menschheit. UNESCO: https://www.unesco.org/

[E-K72-5] Sen, Amartya: Identity and Violence. The Illusion of Destiny, W. W. Norton, New York, 2006. Bezugspunkt für plurale Identitäten und die Gefahr, Menschen auf eine einzige Zugehörigkeit zu reduzieren.

[E-K72-6] Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, C. H. Beck, München, 2006. Bezugspunkt für Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis und demokratische Verantwortung.

Zentrale Begriffe dieses Kapitels

Resonanzraum

Ein Resonanzraum ist ein sozialer, medialer oder institutioneller Raum, in dem Aussagen Wirkungspotenzial entfalten können.

Wirkungspotenzial

Wirkungspotenzial ist die Möglichkeit, dass Wirkung eintreten kann.

Wirkungswahrheit

Wirkungswahrheit meint Wirkungsnähe, Datenklarheit und Transparenz über Folgen.