Modus
Originalfassung 2026.0 Import-Version 2026.1-import Online-Referenz 2026.2-live-reference erste Online-Prüfung

Teil Medien, Kommunikation und Öffentlichkeit

Kapitel 76 - Framing, Sprache und Tonalität

Originalfassung Volltextposition Quellen Glossar

Stand dieser Onlinefassung

Diese Seite ist Teil der lebenden Online-Referenz. Der Text basiert auf der zitierfähigen Originalfassung und wurde für die Webfassung strukturiert, verlinkt und gegen den aktuellen Begriffsstand eingeordnet.

Original2026.0bleibt zitierfähig
Onlinefassung2026.2-live-referencelesbar, verlinkt, versioniert
Prüfstanderste Online-Prüfungweitere Delta-Reviews laufen
Technische Versionsdaten anzeigen
Dokument-ID
woek-main-2026
Import-Version
2026.1-import
Live-Reference-Version
2026.2-live-reference
Terminologiebasis
WOeK_Begriffsleitfaden_fuehrend_v1.0.md
Terminologiebasis-Stand
2026-05-21
Source-Hash
f5779e4c35cd6b81080074b4bbbe33e0a2ea0c63fac39cff544630286a0f3ec4

Live-Reference-Hinweis 2026.2

Diese Seite gehört zur lebenden Online-Referenzfassung 2026.2-live-reference. Die Source-Original-Fassung bleibt über Originaldatei und Importversion zitierfähig; begriffliche Präzisierungen, Reviewstatus und Aktualisierungen werden im Live-Reference-Changelog dokumentiert.

Kapitel 76 - Framing, Sprache und Tonalität

Kapitel 75 hat gezeigt, dass Plattformen Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Resonanz steuern. Dieses Kapitel richtet den Blick auf das, was in diesen Räumen zirkuliert: Sprache, Bilder, Tonalität, Frames, Mimik, Stimme, Wiederholung, Metaphern und Kampfbegriffe. Kommunikation ist nicht nur Übertragung von Information. Sie schafft Wirkungspotenzial. Sie ordnet Wahrnehmung, Emotion, Zugehörigkeit und Handlungsschwellen.

Sprache beschreibt Wirklichkeit nicht nur. Sie ordnet sie. Deshalb ist sprachliche Verantwortung keine Höflichkeitsfrage, sondern eine demokratische Wirkungsfrage.

Diese Aussage ist keine Aufforderung zur Sprachkontrolle. Die Wirkungsökonomie will Sprache nicht glätten, Kritik nicht entschärfen, Kunst nicht disziplinieren, Opposition nicht beruhigen und keine staatliche Sprachpolizei schaffen. Sie sagt nur: Sprache wirkt. Wenn Sprache wirkt, muss eine demokratische Gesellschaft ihre Wirkmechaniken verstehen.

76.1 Frames als Wirkungspotenziale

Frames sind Deutungsrahmen. Sie entscheiden mit, was als Problem erscheint, welche Ursache sichtbar wird, wer Verantwortung erhält und welche Lösung plausibel wirkt. Robert Entman beschrieb Framing als Auswahl und Hervorhebung bestimmter Aspekte einer wahrgenommenen Realität, sodass Problemdefinition, Ursachendiagnose, moralische Bewertung und Handlungsempfehlung unterstützt werden [E-K76-1]. Für die Wirkungsökonomie ist daran wichtig: Frames sind nicht nur Stil. Sie sind Wirkungspotenziale.

Ein Frame kann Wahrheit sichtbar machen. Er kann Wahrheit aber auch verengen. „Menschen auf der Flucht“ ruft andere Wirkungsräume auf als „Flüchtlingswelle“. „Schutz vor Folgekosten“ ruft andere Wirkungsräume auf als „Klimaverbot“. „Stabilitätsinvestitionen“ ruft andere Wirkungsräume auf als „Sozialausgaben“. Keiner dieser Begriffe ist bloß Wortwahl. Jeder verschiebt Aufmerksamkeit, Verantwortung, Emotion und Lösungslogik [I-K76-1].

Frames sind unvermeidlich. Es gibt keine vollständig framefreie Kommunikation. Wer behauptet, nur Fakten zu liefern, nutzt trotzdem Auswahl, Reihenfolge, Kontext, Überschrift, Beispiele und Begriffe. Das Problem ist daher nicht Framing an sich. Das Problem ist unbewusstes, manipulierendes oder entwürdigendes Framing [I-K76-1].

Frames wirken in fünf Richtungen. Sie machen etwas sichtbar. Sie lassen anderes zurücktreten. Sie schreiben Verantwortung zu. Sie ordnen Emotionen. Sie machen bestimmte Lösungen wahrscheinlicher. Genau deshalb sind politische Programme nicht nur Maßnahmenkataloge, sondern Resonanzinstrumente. Ein Programm kann durch seine Begriffe Zugehörigkeit schaffen, Angst aktivieren, Gegner markieren oder Scheinsicherheit erzeugen, auch wenn zentrale Forderungen praktisch kaum umsetzbar sind.

Wie in den anthropologischen Teilen gezeigt wurde, handeln Menschen nicht nur nach Information. Angst, Status, Zugehörigkeit und Macht prägen Wahrnehmung und Entscheidung. Frames setzen genau dort an. Sie können Angst in Vorsorge übersetzen. Sie können aber auch Angst in Feindbild verwandeln. Sie können Verantwortung klären. Sie können Schuld verschieben. Sie können gemeinsame Handlungsfähigkeit öffnen. Sie können Gesellschaft in Gruppen zerlegen.

Auch Metaphern sind keine Verzierung. George Lakoff und Mark Johnson haben gezeigt, dass Metaphern Denken strukturieren und nicht nur Sprache schmücken [E-K76-2]. Eine „Invasion“ verlangt Abwehr. Eine „Welle“ verlangt Dämme. Ein „gemeinsames Haus“ verlangt Pflege. Ein „defekter Kompass“ verlangt Korrektur. Ein „Wirkungsraum“ verlangt die Frage, was in ihm geschieht. Metaphern bauen Wirkungsräume [I-K76-2].

Frames sind daher weder verboten noch unschuldig. Sie sind die Architektur, in der Wahrnehmung wahrscheinlich wird.

76.2 Tonalität, Mimik, Bilder

Ein Inhalt erscheint nie nackt. Er wird gesprochen, geschrieben, geschnitten, bebildert, betont, wiederholt, ironisiert, emotionalisiert oder kommentiert. Diese Form verändert Wirkungspotenzial. Eine sachliche Kritik kann demokratische Korrektur ermöglichen. Dieselbe Kritik in verächtlicher Tonalität kann Entwürdigung erzeugen. Eine Warnung kann schützen. Dieselbe Warnung in panischer Tonalität kann Ohnmacht erzeugen. Ein harter Widerspruch kann notwendig sein. Derselbe Widerspruch als Herabsetzung kann den gemeinsamen Raum beschädigen [I-K76-3].

Tonalität entscheidet nicht über Wahrheit. Aber sie entscheidet mit, ob Wahrheit anschlussfähig wird. Sie wirkt über Stimme, Tempo, Rhythmus, Pausen, Mimik, Gestik, Blick, Bildsprache, Musik, Schnitt, Spott, Wärme, Härte, Wiederholung und Beziehungsebene [I-K76-4]. Eine ruhige Stimme kann Erregung senken. Eine aggressive Stimme kann Verteidigung aktivieren. Verächtliche Mimik kann Entwürdigung markieren. Eine Pause kann Bedeutung verdichten. Ein ironischer Unterton kann Zugehörigkeit in der eigenen Gruppe und Abwertung der anderen Gruppe erzeugen [I-K76-3].

Tonalität ist damit nicht bloß subjektives Empfinden. Sie ist eine wiedererkennbare Wirkungsebene. Sie wirkt über Körper, Beziehung, Identität, soziale Normen, Wiederholung und Plattformverstärkung. Nicht jede Tonalität lässt sich exakt messen. Aber Muster sind erkennbar: erklärend oder beschämend, hart oder verächtlich, emotional oder manipulierend, klar oder einschüchternd, verbindend oder spaltend, kritikfähig oder absolut, dialogisch oder dominierend [I-K76-3].

Bilder verdichten Wirkung. Sie können schneller wirken als Begriffe, weil sie Körper, Erinnerung und Emotion direkter erreichen. Ein Bild kann Mitgefühl wecken, Schutz aktivieren, Zugehörigkeit schaffen oder eine Situation greifbar machen. Ein Bild kann aber auch Feindmarkierung, Angst, Ekel, Scham oder Entmenschlichung erzeugen. Ein einzelnes Bild kann eine Gruppe als bedrohlich, schwach, fremd, schuldig, lächerlich oder schutzwürdig markieren. Bildwirkung ist deshalb keine Nebensache öffentlicher Kommunikation.

Mimik und Gestik gehören ebenfalls dazu. Ein Lächeln kann öffnen. Ein verächtliches Lachen kann abwerten. Ein demonstratives Wegsehen kann Missachtung signalisieren. Ein Blick kann Nähe herstellen oder Ausschluss. In digitalen Räumen werden solche Signale durch Emojis, Memes, Schnitte, Reaktionsbilder, Untertitel, Musik und Kommentarumfelder ersetzt oder verstärkt. Die Wirkung bleibt: Kommunikation spricht nicht nur den Verstand an. Sie erreicht Körper, Identität und Zugehörigkeit.

Das bedeutet nicht, dass Emotion aus Öffentlichkeit verschwinden soll. Emotionen sind keine Störung demokratischer Kommunikation. Sie zeigen Betroffenheit, Verletzlichkeit, Wut, Trauer, Freude, Hoffnung und Solidarität. Ohne Emotion wird Öffentlichkeit kalt. Das Problem entsteht, wenn Emotion zur Manipulation wird: wenn Angst ohne Kontext gesetzt wird, wenn Beschämung als Aktivierung dient, wenn Verachtung als Gruppenbindung genutzt wird, wenn Bilder Gewaltfantasien normalisieren oder wenn Ironie Entwürdigung tarnt.

Tonalität, Mimik und Bilder sind damit keine Höflichkeitsfragen. Sie sind Wirkungsfaktoren.

76.3 Kampfbegriffe und Normalisierung

Kampfbegriffe sind Begriffe, die nicht primär klären, sondern markieren. Sie ordnen Gruppen, schaffen Zugehörigkeit, setzen Gegner, verkürzen Komplexität und verschieben Sagbarkeit. Sie können demokratisch legitim sein, wenn sie Macht sichtbar machen, Missstände benennen und Kritik zuspitzen. Sie werden problematisch, wenn sie Menschen entwürdigen, Gegner entmenschlichen, Institutionen pauschal delegitimieren oder Feindlogik aufbauen.

Die Grenze zwischen starker Kritik und entwürdigender Sprache ist deshalb wichtig. Starke Kritik greift Handlungen, Entscheidungen, Programme, Machtstrukturen oder Institutionen an. Sie kann hart, scharf, unbequem und verletzend für Macht sein. Entwürdigende Sprache greift Menschen als gleichwertige Träger:innen von Würde an. Sie markiert sie als minderwertig, schmutzig, parasitär, gefährlich, austauschbar, nicht zugehörig oder vernichtbar [I-K76-5].

Diese Grenze schützt Kritik. Wer Entwürdigung und Kritik vermischt, schwächt Demokratie. Denn dann wird jede harte Kritik verdächtig und jede Entwürdigung als „nur Meinung“ verteidigt. Die Wirkungsökonomie braucht eine klare Trennung: Kritik ist Korrektur. Entwürdigung ist Verlustleistung im gemeinsamen Raum [I-K76-6].

Normalisierung geschieht durch Wiederholung. Ein Begriff, der einmal schockiert, kann nach hundert Wiederholungen gewöhnlich wirken. Eine Feindmarkierung kann als „zugespitzte Sprache“ erscheinen. Eine Verschwörungserzählung kann als „berechtigte Frage“ getarnt werden. Eine institutionelle Delegitimierung kann als „gesunder Zweifel“ auftreten. Wiederholung erzeugt Vertrautheit, und Vertrautheit kann Wahrheit simulieren [I-K76-7].

Normalisierung wirkt besonders stark, wenn Kampfbegriffe mit Plattformlogik verbunden werden. Ein zugespitztes Wort erzeugt Reaktion. Reaktion erzeugt Reichweite. Reichweite erzeugt Wiederholung. Wiederholung erzeugt Vertrautheit. Vertrautheit verändert Sagbarkeit. So kann ein öffentlicher Raum schrittweise härter, feindseliger und entmenschlichender werden, ohne dass ein einzelner Satz allein alles erklärt.

Feindbilder ordnen die Welt. Sie bieten Zugehörigkeit durch Abgrenzung. Wer dazugehören will, weiß, gegen wen er sein muss. Das ist politisch anschlussfähig, weil es Komplexität reduziert und Sicherheit verspricht. Aber es zerstört demokratische Wirklichkeit. Ein Feindbild muss nicht argumentieren. Es muss nur markieren. Es ersetzt Prüfung durch Loyalität.

Häme hat eine ähnliche Wirkung. Sie erscheint leicht als Humor oder Ironie. Sie kann Macht kritisieren, Absurdität zeigen und Distanz schaffen. Sie kann aber auch Menschen entwürdigen, Leid lächerlich machen und Empathie abbauen. Eine Öffentlichkeit, die Häme belohnt, verliert leichter die Fähigkeit, Menschen hinter Konflikten zu sehen.

Entmenschlichung ist die härteste Form dieser Entwicklung. Sie beginnt nicht erst mit Gewaltaufrufen. Sie beginnt, wenn Menschen nur noch als Masse, Schmutz, Krankheit, Last, Gefahr, Parasiten, Tiere, Müll oder Störung erscheinen. Solche Sprache senkt die Schwelle, Härte gegen Menschen als notwendig, gerecht oder unvermeidlich zu deuten. Das heißt nicht, dass Sprache automatisch Gewalt erzeugt. Es heißt: Sprache kann Handlungsschwellen verschieben [I-K76-5].

Die Wirkungsökonomie braucht deshalb Diskursindikatoren, die nicht Meinungen kontrollieren, sondern Muster beobachten: dominante Narrative, toxische Narrative, Entmenschlichung, Verschwörung, Resonanzfelder, Feindseligkeit, Tonlage, Aggression, Anfeindung, Echokammern, Fake-News-Dynamiken, Feindbilder, Outgroup-Hass, Radikalisierung und digitale Gewalt [I-K76-8]. Solche Indikatoren sind kein Ersatz für Recht. Sie sind Frühwarninstrumente für demokratische Erosion.

76.4 Sprachliche Verantwortung

Sprachliche Verantwortung bedeutet nicht, immer angenehm zu sprechen. Sie bedeutet, die Wirkung von Begriffen, Frames, Tonalität, Wiederholung, Bildern und Verstärkung auf Mensch, Planet und Demokratie mitzudenken [I-K76-5]. Eine Demokratie braucht Streit, Kritik, Protest, Satire, Kunst, Widerstand, Anklage und harte Worte. Sprachliche Verantwortung will all das nicht schwächen. Sie will verhindern, dass Sprache die Bedingungen zerstört, unter denen Streit, Wahrheit und Korrektur möglich bleiben.

Die alte Frage lautete: Darf man das sagen? Diese Frage bleibt grundrechtlich wichtig. Die neue Frage lautet zusätzlich: Welche Wirkung entfaltet diese Sprache, welcher Resonanzraum entsteht, welche Gruppen werden gestärkt oder entwürdigt, welche Korrektur wird möglich oder unmöglich, und welche Folgen entstehen für Mensch, Planet und Demokratie? [I-K76-9]

Für Politik bedeutet Sprachverantwortung: Nicht nur mobilisieren, sondern demokratische Grundbedingungen nicht beschädigen. Für Verwaltung bedeutet sie: Nicht nur rechtlich korrekt formulieren, sondern so erklären, dass Menschen handeln können. Für Wirtschaft bedeutet sie: Nicht nur Reputation schützen, sondern Interessen, Risiken, Daten und Folgen transparent machen. Für Medien bedeutet sie: Nicht nur berichten, sondern einordnen, korrigieren und Resonanzräume mitverantworten. Für Wissenschaft bedeutet sie: Unsicherheit erklären, ohne Arroganzverdacht oder Scheinsicherheit zu erzeugen [I-K76-10].

Sprachverantwortung ist Teil von Governance, nicht Zensur. Sie macht Institutionen lesbarer. Vertrauen entsteht nicht aus Perfektion, sondern aus Nachvollziehbarkeit. Eine Maßnahme wird anschlussfähiger, wenn Ziel, Mittel, Kosten, Alternativen, Wirkung und Evaluation erklärt werden. Eine Reform wird glaubwürdiger, wenn Zielkonflikte benannt werden. Eine Krise wird weniger anfällig für Desinformation, wenn Kommunikation weder beschönigt noch panisch macht [I-K76-10].

Hate Speech braucht rechtsstaatlich präzise Grenzziehung und verhältnismäßige Antworten. Der Europarat versteht Hassrede als Ausdrucksformen, die Gewalt, Hass oder Diskriminierung gegen Personen oder Gruppen aufgrund realer oder zugeschriebener Merkmale anstiften, fördern, verbreiten oder rechtfertigen oder solche Personen beziehungsweise Gruppen herabsetzen; zugleich unterscheidet er Schweregrade und verlangt verhältnismäßige Reaktionen [E-K76-3]. Wirkungsökonomisch heißt das: Nicht jede unangenehme Aussage ist Hassrede. Aber rechtlich und gesellschaftlich relevante Hasskommunikation darf nicht verharmlost werden.

Sprachliche Verantwortung schützt auch legitime Kritik. Wenn Sprache nur moralisch bewertet wird, entsteht Overblocking, Angst vor Widerspruch und Misstrauen gegenüber Regulierung. Wenn Sprache gar nicht nach Wirkung betrachtet wird, entstehen Entwürdigung, Manipulation und demokratische Erosion. Die Wirkungsökonomie hält diese Spannung aus: freie Sprache, klare Kritik, Schutz vor Entwürdigung, Transparenz der Verstärkung, Rechtsschutz und Korrekturmöglichkeiten [I-K76-11].

Sprache ist damit demokratische Ressource und demokratisches Risiko. Sie kann Wirklichkeit klären, Menschen stärken, Institutionen lesbar machen, Prävention erklären, Angst beruhigen, Verantwortung teilen und Zugehörigkeit schaffen. Sie kann aber auch Feindbilder normalisieren, Institutionen delegitimieren, Gruppen entwürdigen, Angst monetarisieren und Wahrheit unanschlussfähig machen.

Die Wirkungsökonomie will Sprache nicht kontrollieren. Sie will ihre Wirkung sehen.

76.5 Zwischenfazit

Kapitel 76 hat Sprache als Wirkungspotenzial beschrieben. Frames ordnen Wirklichkeit. Tonalität, Mimik, Stimme und Bilder verändern, wie Inhalte in Körper, Emotion, Identität und Zugehörigkeit gelangen. Kampfbegriffe können klären oder markieren. Normalisierung verschiebt Sagbarkeit durch Wiederholung. Entwürdigung zerstört den gemeinsamen Raum. Sprachliche Verantwortung ist keine Höflichkeitsregel, sondern Wirkungskompetenz.

Dieses Kapitel verbindet Wirkungspotenzial, Angst, Status, Zugehörigkeit und Macht sowie politische Programme als Resonanzinstrumente. Sprache ist nicht nur Ausdruck. Sie ist demokratische Wirkungsarchitektur.

Die nächste Frage lautet: Was geschieht, wenn Sprache, Bilder, Plattformlogik und Resonanzräume gezielt genutzt werden, um Wahrheit zu beschädigen, Misstrauen zu säen, Feindbilder zu verstärken und demokratische Rückkopplung anzugreifen?

Diese Frage führt zu Kapitel 77: Desinformation und hybride Kriegsführung.

Endnoten und Quellen zu Kapitel 76

Interne WÖk-Quellen

[I-K76-1] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Abschnitt „Frames“. Grundlage für Frames als Deutungsarchitektur, für die fünf Wirkungen von Frames sowie für die Unterscheidung zwischen aufklärendem, verengendem, manipulierendem und entwürdigendem Framing.

[I-K76-2] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Abschnitt zu Metaphern und Wirkungsräumen. Grundlage für die Formulierung, dass Metaphern Wirkungsräume bauen und dass Begriffe wie „Invasion“, „Welle“, „gemeinsames Haus“ oder „defekter Kompass“ unterschiedliche Handlungslogiken aufrufen.

[I-K76-3] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Abschnitt „Tonalität“. Grundlage für Tonalität als Beziehungsebene öffentlicher Wirkung und für Beispiele wie aggressive Tonalität, verächtliche Mimik, ruhige Stimme, Pausen, Bilder und ironische Gesichtsausdrücke als unterschiedliche Wirkungsträger.

[I-K76-4] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Abschnitt „Tonalität entscheidet nicht über Wahrheit“. Grundlage für Tonalität als multimodalen Kopplungsmechanismus zwischen Aussage und Empfänger über Stimme, Tempo, Rhythmus, Pausen, Mimik, Gestik, Bildsprache, Musik, Schnitt, Spott, Wärme, Härte, Wiederholung und Beziehungsebene.

[I-K76-5] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Abschnitt zu Entwürdigung, Hate Speech, Deliberation und Sprachverantwortung. Grundlage für die Definition von Entwürdigung, die Abgrenzung von harter Kritik und Hasskommunikation sowie für Sprachverantwortung als Fähigkeit, Wirkung von Begriffen, Frames, Tonalität und Wiederholung mitzudenken.

[I-K76-6] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Abschnitt „Wirkungsökonomische Neubewertung“. Grundlage für Kritik als Korrekturmechanismus, Entwürdigung als Verlustleistung im gemeinsamen Raum, Diskurskultur als demokratische Infrastruktur und Sprachverantwortung als Wirkungskompetenz.

[I-K76-7] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Zwischenfazit zur kommunikativen Wirkung. Grundlage für Wirkungspotenzial aus Inhalt, Frame, emotionalem Marker, Senderstatus, Empfängerstruktur, Wiederholung, Tonalität, Medium, Plattform und Handlungsmöglichkeit sowie für Wiederholung als Vertrautheit und algorithmische Verstärkung als Sichtbarkeit.

[I-K76-8] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie, 2025, Abschnitte zu Medien-Wirkungsscore, Narrativ- und Diskursindikatoren sowie digitalen Polarisierungsindikatoren. Grundlage für die Erfassung von Wahrheitstreue, Transparenz, Polarisierung, Diskursqualität, dominanten und toxischen Narrativen, Entmenschlichung, Feindseligkeit, Echokammern, Fake-News-Dynamiken, Feindbildern, Outgroup-Hass, Radikalisierung und digitaler Gewalt.

[I-K76-9] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Zwischenfazit zu Sprache und Diskurskultur. Grundlage für Sprache als frei, aber nicht wirkungslos, Diskurs als offen, aber nicht folgenlos, und Diskursstabilität als Fähigkeit, Konflikt auszuhalten, ohne Gesellschaft in Feindlogik zu zerlegen.

[I-K76-10] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Abschnitt zu institutioneller Sprachverantwortung. Grundlage für Wirkungslogik-Transparenz als öffentliche Kompetenzform, für Ziel, Mittel, Kosten, Alternativen, Wirkung und Evaluation sowie für Sprachverantwortung in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Parteien und Medien.

[I-K76-11] Weber, Natalie: Die neue Ordnung des Wohlstands, Arbeitsfassung 2026, Einwände zu Sprache und Overblocking. Grundlage für transparente Verfahren, Einspruchsmöglichkeiten, Forschung, rechtsstaatliche Kontrolle, Schutz legitimer Kritik sowie die Aussage, dass Muster wie Entwürdigung, Drohung, Gewaltlegitimation, Wiederholung, Feindmarkierung und Ausschluss beobachtbar sind.

Externe Quellen

[E-K76-1] Entman, Robert M.: „Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm“, in: Journal of Communication, Vol. 43, No. 4, 1993, S. 51-58. Bezugspunkt für Framing als Auswahl und Hervorhebung bestimmter Aspekte einer wahrgenommenen Realität, die Problemdefinition, Ursachendiagnose, Bewertung und Handlungsempfehlung prägt.

[E-K76-2] Lakoff, George; Johnson, Mark: Metaphors We Live By, University of Chicago Press, Chicago, 1980. Bezugspunkt für Metaphern als Strukturen des Denkens, nicht nur als rhetorische Figuren.

[E-K76-3] Council of Europe: Recommendation CM/Rec(2022)16 of the Committee of Ministers to member States on combating hate speech, 2022. Bezugspunkt für eine differenzierte Definition von Hassrede und für verhältnismäßige, rechtsstaatliche Antworten. Council of Europe: https://www.coe.int/

[E-K76-4] Goffman, Erving: Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience, Harvard University Press, Cambridge, MA, 1974. Bezugspunkt für Frames als Organisationsformen von Erfahrung und Deutung.

[E-K76-5] Butler, Judith: Excitable Speech. A Politics of the Performative, Routledge, New York, 1997. Bezugspunkt für Sprache als Handlung und für Verletzbarkeit durch sprachliche Markierung.

[E-K76-6] Klemperer, Victor: LTI. Notizbuch eines Philologen, Aufbau-Verlag, Berlin, 1947. Bezugspunkt für die Veränderung gesellschaftlicher Wirklichkeit durch wiederholte politische Sprache, Begriffe und sprachliche Gewöhnung in autoritären Kontexten.

Zentrale Begriffe dieses Kapitels

Resonanzraum

Ein Resonanzraum ist ein sozialer, medialer oder institutioneller Raum, in dem Aussagen Wirkungspotenzial entfalten können.

Wirkungspotenzial

Wirkungspotenzial ist die Möglichkeit, dass Wirkung eintreten kann.

Wirkungswahrheit

Wirkungswahrheit meint Wirkungsnähe, Datenklarheit und Transparenz über Folgen.