Teil Die Sprache der Wirkungsökonomie
Kapitel 14 - Systemischer Wert und normativer Wert
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Kapitel 14 - Systemischer Wert und normativer Wert

Dieses Kapitel führt zwei Wertbegriffe ein, die in der Wirkungsökonomie sauber getrennt werden müssen: systemischer Wert und normativer Wert. Ohne diese Trennung wird Wirkung entweder zu technisch oder zu moralisch. Wird nur systemisch gedacht, kann auch eine schädliche Ordnung als funktional erscheinen, solange sie stabil bleibt. Wird nur normativ gedacht, können gut gemeinte Ziele verfolgt werden, ohne zu prüfen, ob sie ein System tatsächlich verbessern oder unbeabsichtigt schwächen.
Systemischer Wert beschreibt, ob eine Wirkung ein System stabiler, lernfähiger, resilienter, gesünder oder tragfähiger macht. Normativer Wert beschreibt, ob diese Wirkung gemessen an Mensch, Planet und Demokratie wünschenswert ist [I-K14-1].
Beide Begriffe gehören zusammen, aber sie sind nicht identisch. Etwas kann systemisch wirksam sein und dennoch normativ schädlich. Etwas kann normativ gewollt sein und dennoch systemisch schlecht umgesetzt werden.
Diese Unterscheidung ist notwendig, weil Wirkung nicht nur gut oder schlecht genannt werden darf. Wirkung muss zuerst beschrieben, dann systemisch eingeordnet und danach normativ bewertet werden. Erst diese Reihenfolge verhindert Scheingenauigkeit, Moralisierung und technokratische Blindheit.

14.1 Warum ein einziger Wertbegriff nicht reicht
In der alten Ordnung werden sehr unterschiedliche Bedeutungen von Wert vermischt. Marktwert beschreibt, was sich verkaufen, finanzieren oder als Vermögen bilanzieren lässt. Gebrauchswert beschreibt, welchen Nutzen etwas für bestimmte Menschen hat. Tauschwert beschreibt, welchen Preis etwas im Markt erzielt. Politischer Wert beschreibt, welche Zustimmung oder Machtwirkung etwas erzeugt. Moralischer Wert beschreibt, was als richtig, gerecht oder verantwortbar gilt.
Die Wirkungsökonomie führt keinen weiteren unscharfen Wertbegriff ein. Sie trennt zwei Ebenen, die in der Praxis ständig durcheinandergeraten.
Die erste Ebene fragt: Was macht eine Wirkung mit dem System? Stabilisiert sie? Entlastet sie? Lernt das System daraus? Werden Risiken kleiner? Werden Rückkopplungen besser? Werden Menschen, Institutionen, Ökosysteme oder Infrastrukturen widerstandsfähiger?
Die zweite Ebene fragt: Soll diese Wirkung gemessen an Mensch, Planet und Demokratie gewollt sein?
Diese Frage ist nicht identisch mit Stabilität. Ein System kann stabil sein und dennoch ungerecht. Es kann effizient sein und dennoch destruktiv. Es kann leistungsfähig wirken und dennoch Lebensgrundlagen verbrauchen.
Ein einzelner Wertbegriff reicht deshalb nicht. Die Wirkungsökonomie muss unterscheiden, ob etwas funktioniert und ob es gut ist.
14.2 Systemischer Wert
Systemischer Wert beschreibt die Wirkung auf die Funktionsfähigkeit eines Systems. Ein hoher systemischer Wert liegt vor, wenn eine Wirkung Stabilität, Lernfähigkeit, Resilienz, Gesundheit, Regenerationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit oder Zukunftsfähigkeit verbessert.
Ein System ist nicht schon wertvoll, weil es besteht. Auch ein schädliches System kann bestehen. Systemischer Wert meint mehr als bloße Dauer. Er meint die Fähigkeit eines Systems, seine notwendigen Zustände zu erhalten, Risiken zu verarbeiten, Rückmeldungen aufzunehmen und sich unter veränderten Bedingungen sinnvoll anzupassen.
Ein Gesundheitssystem hat systemischen Wert, wenn es nicht nur Krankheiten behandelt, sondern Gesundheit ermöglicht, Überlastung vermeidet, Prävention stärkt und Menschen in verletzlichen Lebenslagen erreicht. Ein Bildungssystem hat systemischen Wert, wenn es Fähigkeiten, Urteilskraft, Selbstwirksamkeit, Wissen und demokratische Mündigkeit aufbaut. Eine Infrastruktur hat systemischen Wert, wenn sie Versorgung sichert, Ausfälle begrenzt, Zugang ermöglicht und Krisen übersteht. Ein Unternehmen hat systemischen Wert, wenn es nicht nur Produkte verkauft, sondern stabile, faire, resiliente und lernfähige Wirkungsketten erzeugt.
Systemischer Wert ist deshalb ein Funktionswert. Er fragt nicht zuerst nach Moral, sondern nach Systemzustand. Wird das System stärker oder schwächer? Wird es lernfähiger oder starrer? Wird es resilienter oder anfälliger? Werden Risiken verteilt, reduziert oder nur verschoben?
Diese Frage ist notwendig, weil gute Absichten ohne systemischen Wert wirkungsschwach bleiben. Eine Maßnahme kann normativ richtig gemeint sein, aber das System überfordern, falsche Anreize setzen, Vertrauen beschädigen oder neue Reparaturbürokratie erzeugen. Dann war die Absicht nicht genug. Der systemische Wert bleibt gering oder negativ.
14.3 Normativer Wert
Normativer Wert beschreibt, ob eine Wirkung gemessen an der Zieltrias Mensch, Planet und Demokratie wünschenswert ist [I-K14-2]. Diese Trias bildet den späteren normativen Kern des Buches und wird in Teil IV ausführlich entfaltet. An dieser Stelle genügt die begriffliche Funktion: Normativer Wert gibt Richtung.
Eine Wirkung hat normativen Wert, wenn sie Menschenwürde, Gesundheit, Freiheit, Teilhabe, Gerechtigkeit, Lebensqualität, planetare Regenerationsfähigkeit, Biodiversität, Klimastabilität, Rechtsstaatlichkeit, Wahrheit, Vertrauen und demokratische Korrekturfähigkeit stärkt. Diese Aufzählung ist hier noch keine vollständige normative Ordnung. Sie zeigt nur, weshalb Wirkung nicht allein technisch gelesen werden darf.
Normativer Wert beantwortet die Frage: Wollen wir diese Zustandsveränderung?
Ein System kann sehr effizient darin sein, Menschen zu überwachen. Es kann sehr wirksam darin sein, oppositionelle Stimmen zu unterdrücken. Es kann sehr stabil darin sein, Ungleichheit zu sichern. Es kann sehr lernfähig darin sein, Manipulation zu verbessern.
Solche Wirkungen können systemisch stark sein. Normativ sind sie schädlich, wenn sie Mensch, Planet oder Demokratie verletzen.
Darum reicht Systemstabilität allein nicht. Die Geschichte zeigt viele stabile Ordnungen, die Unfreiheit, Ausbeutung oder ökologische Zerstörung ermöglichten. Eine Wirkungsökonomie darf Stabilität nicht mit Richtigkeit verwechseln.
Normativer Wert ist deshalb der Richtungswert der Wirkungsökonomie.
14.4 Systemisch wirksam, aber normativ schädlich
Etwas kann systemisch wirksam sein und dennoch normativ schädlich. Diese Möglichkeit muss ausdrücklich benannt werden, weil sie eine der größten Gefahren jeder reinen Effizienzlogik ist.
Ein autoritäres Überwachungssystem kann Informationen schnell sammeln, Verhalten beeinflussen und Widerstand früh erkennen. Systemisch kann es eine Machtordnung stabilisieren. Normativ verletzt es Freiheit, Würde, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Selbstbestimmung.
Eine Plattformlogik kann enorme Aufmerksamkeit erzeugen, Nutzerinnen und Nutzer binden und Erträge steigern. Systemisch kann sie für das Geschäftsmodell sehr wirksam sein. Normativ kann sie schädlich sein, wenn sie Polarisierung, Suchtmechanismen, Desinformation oder soziale Verletzung begünstigt.
Ein Geschäftsmodell kann Lieferketten straff organisieren, Preise senken und Renditen erhöhen. Systemisch kann es innerhalb des Unternehmens erfolgreich wirken. Normativ kann es schädlich sein, wenn Ausbeutung, Wasserstress, Emissionen oder Gesundheitsrisiken in andere Räume verschoben werden.
Ein fossiles Energiesystem kann über Jahrzehnte Versorgungssicherheit, industrielle Entwicklung und günstige Energie ermöglicht haben. Systemisch hatte es in seiner Zeit hohen Wert für bestimmte wirtschaftliche Strukturen. Normativ wird es problematisch, sobald es planetare Stabilität gefährdet und kommende Generationen belastet [I-K14-3].
Diese Beispiele zeigen: Systemische Wirksamkeit ist nicht automatisch positiver Wert. Die Wirkungsökonomie muss daher immer fragen, welches System stabilisiert wird und auf wessen Kosten.
14.5 Normativ gewollt, aber systemisch schlecht umgesetzt
Auch die umgekehrte Konstellation ist wichtig: Etwas kann normativ gewollt sein und dennoch systemisch schlecht umgesetzt werden.
Eine Klimamaßnahme kann normativ richtig sein, weil sie Emissionen senken soll. Wenn sie aber soziale Härten erzeugt, ohne Alternativen bereitzustellen, kann sie Vertrauen beschädigen und Widerstand verstärken. Dann ist die normative Richtung richtig, aber die systemische Umsetzung schwach.
Ein Sozialprogramm kann normativ richtig sein, weil es Menschen entlasten soll. Wenn es jedoch kompliziert, stigmatisierend, schwer zugänglich oder verwaltungsintensiv gebaut ist, erreicht es die Zielgruppe zu schlecht und erzeugt Blindleistung. Dann bleibt der systemische Wert hinter dem normativen Anspruch zurück.
Ein Nachhaltigkeitsbericht kann normativ sinnvoll sein, weil Transparenz geschaffen werden soll. Wenn seine Daten aber nicht in Entscheidungen zurückwirken, erzeugt er Dokumentation ohne Steuerung. Dann wird Berichterstattung zur Aktivität, nicht zur Zustandsveränderung.
Eine digitale Lösung kann normativ Inklusion, Zugang oder Effizienz versprechen. Wenn sie aber Menschen ohne digitale Kompetenz ausschließt, Verfahren nicht vereinfacht oder neue Abhängigkeiten schafft, verfehlt sie ihren systemischen Wert.
Diese Fälle sind für die Wirkungsökonomie besonders wichtig, weil sie zeigen: Gute Ziele brauchen gute Architektur. Normativer Wert allein reicht nicht. Die Wirklichkeit prüft, ob ein Ziel systemisch anschlussfähig, lernfähig und wirksam umgesetzt wird.
14.6 Die Reihenfolge der Bewertung
Die Wirkungsökonomie braucht eine klare Reihenfolge der Bewertung.
Zuerst wird beschrieben, welche Wirkung eingetreten ist oder eintreten kann: Welche Zustände verändern sich? Wer ist betroffen? In welchem Wirkungsraum? Mit welcher Reichweite? Mit welcher zeitlichen Verzögerung?
Dann wird systemisch eingeordnet: Stabilisiert die Wirkung das betroffene System? Macht sie es lernfähiger, gesünder, resilienter oder tragfähiger? Oder erzeugt sie Abhängigkeit, Überlastung, Verschiebung, Blindleistung oder neue Risiken?
Erst danach wird normativ bewertet: Ist diese Wirkung gemessen an Mensch, Planet und Demokratie wünschenswert? Schützt sie Würde, Freiheit, Gerechtigkeit, Lebensgrundlagen, Demokratie und Vertrauen? Oder stabilisiert sie ein System, das selbst schädlich ist?
Diese Reihenfolge verhindert zwei Fehler. Der erste Fehler wäre moralische Voreiligkeit: Man nennt etwas gut, weil es gut gemeint ist. Der zweite Fehler wäre technokratische Kälte: Man nennt etwas gut, weil es funktioniert.
Die Wirkungsökonomie braucht beides nicht. Sie braucht Beschreibung, systemische Einordnung und normative Bewertung.
14.7 Systemischer Wert ist kein Selbstzweck
Ein häufiger Fehler besteht darin, Stabilität als höchsten Wert zu behandeln. Stabilität ist wichtig. Ohne Stabilität entstehen Angst, Unsicherheit, Planungsverlust, soziale Spannungen und politische Überforderung. Aber Stabilität allein genügt nicht.
Auch ungerechte Systeme können stabil sein. Auch fossile Pfade können lange stabil wirken. Auch Bürokratien können sich stabil erhalten, obwohl sie Blindleistung erzeugen. Auch Machtstrukturen können stabil bleiben, weil sie Kritik ausschließen.
Deshalb darf systemischer Wert nicht mit bloßer Bestandssicherung verwechselt werden.
Systemischer Wert in der Wirkungsökonomie meint nicht: Das Bestehende soll bleiben. Er meint: Das System soll fähig werden, gute Zustände zu erhalten, schlechte Zustände zu korrigieren und aus Rückkopplung zu lernen.
Lernfähigkeit gehört deshalb zum systemischen Wert. Ein starres System, das Stabilität nur durch Verdrängung, Unterdrückung oder Externalisierung erreicht, hat aus wirkungsökonomischer Sicht keinen ausreichenden systemischen Wert.
Systemischer Wert braucht Offenheit für Korrektur.
Er ist nicht konservierend im engen Sinn. Er ist zukunftsfähig.
14.8 Normativer Wert ist kein bloßer Wunsch
Normativer Wert ist ebenfalls kein bloßer Wunsch. Er bedeutet nicht, dass eine Idee schon deshalb wertvoll ist, weil sie sich gut anfühlt oder politisch wünschenswert klingt. Normativer Wert braucht Begründung, demokratische Anschlussfähigkeit und Rückbindung an reale Zustände.
Mensch, Planet und Demokratie sind keine dekorativen Leitworte. Sie beschreiben die Mindestbedingungen einer lebensfähigen Ordnung. Ohne Menschenschutz wird Wirtschaft zur Ausbeutung. Ohne Planetenschutz verliert Wirtschaft ihre materielle Grundlage. Ohne Demokratie verliert Gesellschaft ihre Korrekturfähigkeit [I-K14-4].
Normativer Wert fragt daher nicht nach persönlichem Geschmack. Er fragt nach den Bedingungen eines guten, freien und zukunftsfähigen Zusammenlebens. Trotzdem muss er demokratisch und transparent verhandelt werden. Die Wirkungsökonomie darf normative Maßstäbe nicht verstecken. Sie muss offen sagen, woran sie Wirkung bewertet.
Damit unterscheidet sich normativer Wert von versteckter Ideologie. Ideologie behauptet ihre Maßstäbe als selbstverständlich. Wirkungsökonomie macht Maßstäbe sichtbar, prüfbar und kritisierbar.
14.9 Die Verbindung beider Wertformen
Eine Wirkung ist im Sinne der Wirkungsökonomie stark, wenn systemischer und normativer Wert zusammenkommen.
Sie stabilisiert ein System nicht nur irgendwie, sondern in einer Weise, die Mensch, Planet und Demokratie stärkt. Sie erzeugt nicht nur gute Absichten, sondern tragfähige Zustandsveränderungen. Sie schützt nicht nur ein Ziel, sondern verändert auch die Bedingungen so, dass dieses Ziel dauerhaft erreichbar wird.
Eine gute Bildungsmaßnahme hat systemischen Wert, wenn sie Fähigkeiten, Selbstwirksamkeit und gesellschaftliche Teilhabe stärkt. Sie hat normativen Wert, wenn diese Fähigkeiten Menschenwürde, Freiheit und demokratische Mündigkeit unterstützen.
Eine gute Gesundheitsmaßnahme hat systemischen Wert, wenn sie Prävention, Versorgung und Resilienz verbessert. Sie hat normativen Wert, wenn sie Lebensqualität, Gerechtigkeit und Teilhabe stärkt.
Eine gute Klimamaßnahme hat systemischen Wert, wenn sie Emissionen senkt, Risiken reduziert und Anpassungsfähigkeit stärkt. Sie hat normativen Wert, wenn sie planetare Grenzen achtet und Lasten fair verteilt.
Diese Verbindung ist das Ziel. Systemischer Wert ohne normative Richtung kann gefährlich werden. Normativer Wert ohne systemische Tragfähigkeit bleibt schwach.
Die Wirkungsökonomie braucht beides.
14.10 Warum diese Trennung für spätere Kapitel wichtig ist
Die Trennung von systemischem und normativem Wert verhindert spätere Dopplungen und Unklarheiten. Teil III wird die Systemlogik der Wirkungsökonomie entfalten: Rückkopplung, Hebel, Lernen, Interdependenzen und Wirkungslenkung. Dort steht der systemische Wert im Vordergrund. Teil IV wird den normativen Kern aus Mensch, Planet und Demokratie ausarbeiten. Dort steht die Frage der wünschenswerten Richtung im Vordergrund.
Dieses Kapitel verbindet beide Ebenen, ohne sie vollständig auszuführen. Es stellt nur die begriffliche Ordnung her. Spätere Kapitel können darauf verweisen, statt die Unterscheidung neu zu erklären.
Wenn später ein Gesetz, ein Produkt, ein Unternehmen, eine Plattform, eine Stadt, eine Technologie oder ein Kapitalfluss bewertet wird, muss immer klar bleiben: Wir fragen nicht nur, ob etwas funktioniert. Wir fragen auch, wofür es funktioniert. Und wir fragen nicht nur, ob etwas gewollt ist. Wir fragen auch, ob es systemisch wirksam umgesetzt wird.
14.11 Der Bewertungsdreischritt: beschreiben, einordnen, bewerten
Die Trennung von Wirkung, systemischem Wert und normativem Wert braucht eine klare Reihenfolge. Ohne diese Reihenfolge wird die Wirkungsökonomie entweder technokratisch oder moralisch unsauber. Technokratisch wird sie, wenn Daten schon als Entscheidung gelten. Moralisch unsauber wird sie, wenn Bewertung beginnt, bevor die Zustandsveränderung beschrieben wurde.
Der Bewertungsdreischritt lautet daher: Erstens wird Wirkung beschrieben. Zweitens wird diese Wirkung systemisch eingeordnet. Drittens wird sie normativ an Mensch, Planet und Demokratie bewertet [I-K14-1][I-K14-2].
Der erste Schritt ist deskriptiv. Er fragt: Welche Zustandsveränderung ist eingetreten oder wahrscheinlich? Diese Frage betrifft Emissionen, Wasserverbrauch, Löhne, Gesundheit, Sicherheit, Biodiversität, Bildung, Pflege, Wohnen, Vertrauen, Diskursqualität, Rechtsstaatlichkeit oder andere Wirkungsfelder. Auf dieser Ebene wird noch nicht entschieden, ob eine Veränderung gesellschaftlich gut oder schlecht ist. Es wird geklärt, was sich verändert hat, wodurch, für wen, in welchem Zeitraum, mit welcher Datenqualität und mit welcher Unsicherheit.
Der zweite Schritt ist systemisch. Er fragt: Welche Bedeutung hat diese Zustandsveränderung im Zusammenhang? Eine kleine Veränderung kann systemisch groß sein, wenn sie einen kritischen Engpass berührt. Eine große Veränderung kann systemisch schwach sein, wenn sie keine relevante Stabilitätsbedingung verbessert. Systemischer Wert fragt daher nach Resilienz, Regeneration, Lernfähigkeit, Stabilität, Korrekturfähigkeit, Risikovermeidung und der Verringerung von Verlustleistung [I-K14-5].
Der dritte Schritt ist normativ. Er fragt: Ist diese systemisch eingeordnete Wirkung gemessen an Mensch, Planet und Demokratie wünschenswert, begrenzt zulässig, neutral, problematisch oder nicht akzeptabel? Diese Bewertung ist keine private Geschmacksfrage. Sie braucht Recht, demokratische Legitimation, wissenschaftliche Prüfung, öffentliche Begründung und transparente Maßstäbe. Der normative Kern der Wirkungsökonomie lautet Mensch, Planet und Demokratie, nicht Kapital, Marktwert oder bloße Systemstabilität [I-K14-2][I-K14-4][E-K14-1][E-K14-2].
Ein Beispiel macht die Reihenfolge sichtbar. Ein Produkt kann niedrige Emissionen haben. Das ist eine deskriptive Wirkung. Wenn dieses Produkt zugleich in einer wasserarmen Region produziert wird, in der Wasserstress Landwirtschaft, Gesundheit und soziale Stabilität gefährdet, verändert sich seine systemische Einordnung. Wenn zusätzlich Zwangsarbeit, Kinderarbeit oder demokratiefeindliche Lieferkettenbedingungen vorliegen, folgt daraus eine normative Grenze. Die niedrigen Emissionen bleiben ein positiver Messwert. Sie heben die anderen Wirkungen aber nicht auf [I-K14-6].
Diese Reihenfolge schützt die Wirkungsökonomie vor drei Fehlern. Der erste Fehler wäre Moralisierung: Eine Handlung wird bewertet, ohne ihre tatsächlichen Wirkungen geprüft zu haben. Der zweite Fehler wäre Scheingenauigkeit: Eine Zahl erscheint objektiv, obwohl Datenqualität, Kontext und Systemwirkung ungeklärt sind. Der dritte Fehler wäre Funktionalismus: Eine Wirkung stabilisiert ein System, obwohl dieses System Menschenrechte verletzt, ökologische Grundlagen zerstört oder demokratische Korrektur schwächt.
Darum reicht es nicht zu sagen: Eine Wirkung ist positiv. Es muss immer geklärt werden, auf welcher Ebene diese Aussage gilt. Positiv gemessen? Positiv für das System? Positiv gemessen an Mensch, Planet und Demokratie? Erst wenn diese Ebenen getrennt und wieder verbunden werden, entsteht eine belastbare Bewertung.
Dieser Bewertungsdreischritt wird später für alle Wirkungsräume gebraucht: Produkte, Unternehmen, Kapital, Steuern, Plattformen, Medien, Bildung, Pflege, Wohnen, öffentliche Haushalte, Forschung, KI und globale Lieferketten. Überall gilt dieselbe Grundordnung: Wirkung beschreiben, systemischen Wert einordnen, normativen Wert bestimmen.
Die Wirkungsökonomie bewertet nicht schneller. Sie bewertet sauberer.
14.12 Fazit: Funktionswert und Richtungswert
Systemischer Wert und normativer Wert sind zwei verschiedene Wertformen.
Systemischer Wert fragt: Macht eine Wirkung ein System stabiler, lernfähiger, resilienter, gesünder oder tragfähiger?
Normativer Wert fragt: Ist diese Wirkung gemessen an Mensch, Planet und Demokratie wünschenswert?
Etwas kann systemisch wirksam und normativ schädlich sein. Etwas kann normativ gewollt und systemisch schlecht umgesetzt sein. Eine Wirkungsökonomie, die diesen Unterschied nicht erkennt, würde entweder technokratisch oder moralisch unsauber.
Die neue Sprache braucht deshalb beide Begriffe.
Systemischer Wert ist der Funktionswert.
Normativer Wert ist der Richtungswert.
Erst wenn beide zusammenkommen, entsteht eine Wirkung, die nicht nur funktioniert, sondern Zukunft ermöglicht.
Endnoten und Quellen zu Kapitel 14
Interne WÖk-Quellen
[I-K14-1] Weber, Natalie: Working-Paper Wirkungssteuergesetz (WStG), § 1 und § 3.
[I-K14-2] Weber, Natalie: Systemmodell der Wirkungsökonomie. Die systemische Ordnungskarte Mensch-Planet-Demokratie, 2025.
[I-K14-3] Weber, Natalie: Leitbild für Mensch, Planet und Demokratie, Oktober 2025.
[I-K14-4] Weber, Natalie: Grundlagenpapier Wirkungsökonomie WÖk, 2025.
[I-K14-5] Weber, Natalie: Nachhaltigkeit ist keine Strategie. Sie ist eine Systemarchitektur, 2025/2026.
[I-K14-6] Weber, Natalie: Produktbesteuerung durch Wirkung, 2025; Weber, Natalie: Wirkungsökonomie in der Lieferkette, 2025.
Externe Quellen
[E-K14-1] Sen, Amartya: Development as Freedom, Oxford University Press, 1999.
[E-K14-2] Nussbaum, Martha C.: Creating Capabilities. The Human Development Approach, Harvard University Press, 2011.
Zentrale Begriffe dieses Kapitels
Wirkung
Wirkung ist die tatsächliche Veränderung von Zuständen.
Wirkungspotenzial
Wirkungspotenzial ist die Möglichkeit, dass Wirkung eintreten kann.
Wirkstoff
Wirkstoff ist in der WÖk eine didaktische Analogie für einen Auslöser mit Wirkungspotenzial.
Wirkungsarchitektur
Wirkungsarchitektur ist das Gesamtsystem aus Daten, Regeln, Institutionen, Anreizen, Governance, Kontrolle und Lernen.
Wirkungsrisiko
Wirkungsrisiko ist die Möglichkeit, dass eine Entscheidung negative Wirkung erzeugt oder positive Wirkung verfehlt.